Bad Company. Meine denkwürdige Karriere bei der Wirecard AG (Jörn Leogrande)

Sachbuch von Jörn Leogrande
penguin, 17,99€ (ebook), 22,00€ (Hardcover)

Im Sommer 2020 kollabiert das ehemalige DAX-Unternehmen Wirecard an der Börse, nachdem 1,9 Milliarden Dollar unauffindbar verschwinden. CEO Markus Braun tritt zurück und wird kurz darauf mit dem schweren Vorwurf der Marktmanipulation und Betrug verhaftet. Gegen den untergetauchten COO Jan Marsalek liegt bis heute ein internationaler Haftbefehl vor. Der Fall Wirecard geht als größte politische Pleite der jüngsten Geschichte ein. 

Einige Monate später veröffentlicht der ehemalige Mitarbeiter Jörn Leogrande ein Buch zu diesem Skandal, zeichnet damit 15 Jahre Unternehmenshistorie. Und so viel ist klar: Nach der Lektüre versteht man, warum so viele das Märchen des kleinen Start-ups glaubten, das ein großes DAX-Unternehmen werden wollte. Aber noch etwas wird klar: Der Skandal Wirecard hat auch eine menschliche Seite,  die Leogrande in kurzweiligen, hervorragend beobachteter Situationskomik herauskitzelt. Besonders interessant sind wohl die eingeworfenen Persönlichkeitsanalysen und Gesprächserinnerungen, ist er doch engster Vertrauter des COO, ohne zu diesem Zeitpunkt von dessen kriminellen Machenschaften zu wissen.  Zugegeben, ab einem gewissen Punkt wird der Vergleich Marsaleks mit Darth Vader etwas überzogen, seine Wirkung verfehlt er aber nicht. Leogrande war mittendrin und schildert immer surrealere Erlebnisse, immer merkwürdigere Vorfälle und reflektiert dabei auch seine eigene Zeit – hinterfragend und manchmal auch ein bisschen enttäuscht. So muss er schließlich erkennen,  dass er einen Menschen, den er 15 Jahre zu kennen glaubte, eigentlich gar nicht kannte, geschweige denn Privates von ihm wusste. 

“Bad Company” ist ein Buch über eine große Freakshow. Vielleicht auch das Buch einer großen Freakshow. Denn eine Frage ließ mich beim Lesen nicht los: Das “zufällige” Umcoden von Shops gehört zur Tagesordnung wie rassistische Nazis in der Chefetage, kleinere Geldwäschen und Jobvorteile durch gezielt provozierte Affären (man möchte fast sagen: Zuhälterei). Leogrande wusste von alldem, auch, wenn ihm die größeren Zusammenhänge nicht bewusst waren. Wieso unterstützte er dieses System 15 Jahre lang, statt den Skandal schon viel früher zu befeuern oder zumindest auszusteigen? Mir fehlt hier der Mut, auch die eigenen Fehler zu benennen, statt sie nur bei anderen zu suchen. Sollte man beim Lesen im Hinterkopf behalten, ansonsten: Top. Macht Spaß!

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