»KuDamm 56« – das Musical

Aufführungsdauer: 3 Stunden inklusive Pause
wir saßen im linken bzw. rechten Parkett, Reihe 17 Platz 1 links und 1 rechts (Mitte/Mitte – große Platzempfehlung!)

Stage Theater des Westens / Kantstraße, Berlin

Wenn freie Liebe und wilder Rock’n’Roll auf das zugeknöpft-misogyne Nachkriegsdeutschland treffen, dann explodiert das Theater des Westens schon im Opening der Musical-Adaption der gleichnamigen ZDF-Serie “Ku’Damm 56”. Das gesellschaftliche Korsett der 50er ist eng: Sitte und Anstand sind nur zwei Worte, die Tanzschulbetreiberin Caterina Schöllack immer wieder im Umgang mit ihren drei Töchtern Helga, Eva und Monika fallen lässt. Etwaige Tabus – die Aufarbeitung des Holocausts oder Homosexualität passen nicht in den Rahmen. “Der Mann führt die Frau, so ist’s nun mal.” 

Glaub mir, mein Mädchen, blaue Flecken vergeh’n und was bleibt, das sind die Narben und selbst die will keiner seh’n.

Das Buch zum Musical schrieb, ebenso wie die Serie, Annette Hess. Und sie macht genau das möglich, was dem deutschsprachigen Musical bisher fehlte: Sie inszeniert extrem dynamisch und parallel auf mehreren Handlungsebenen. Die Geschichte trägt das Stück, man kommt um’s Mitdenken nicht herum. Die Dramaturgie und Regie unter Christoph Drewitz ist hierbei der Schlüssel zum Erfolg: Es wird sich nicht lange an Situationen aufgehalten, die Umbauten fließen in das Geschehen ein, die Zuschauenden werden ohne Übergänge von einem Schauplatz in den nächsten geworfen.

Zum Teil werden drei oder mehr Szenen in ein und demselben Dialog erzählt. Dazwischen gibt es viel klassisches Theater, pointierte Politik, subtiles Schauspiel; dann wieder explizite Darstellung, auf die im Sinne der Geschichte mutig draufgehalten wird. Das kann überrollen – emotional und inhaltlich. Ein Blick ins Libretto oder die Serie ist unumgänglich. Musikalisch ergänzen die Songs der Produzenten Peter Plate und Ulf Leo Sommer. Ein bisschen Indie-Musical, ein bisschen Pop, ein bisschen Operette – als wäre die Dramaturgie nicht genug, passen sie sich mit dem musikalischen Genre dem Alter der Figuren und ihren jeweiligen Stimmungen an. Die Jugend bekommt freizügigen und lauten Rock’n’Roll, die Erwachsenen punkten mit Operette und Chanson. 

Doch zurück zu der Geschichte, sie fing doch auch mit Adam an. Er schnitt die Eva aus der Rippe, damit sie ihn verführen kann.

Diese Wechsel sieht man auch im einfach gehaltenen Bühnenbild. Es sieht aus, als hätten sie einfach vergessen, nach dem Umbau des Theaters die Baugerüste abzubauen. Diese werden auf drei Ebenen in Höhe und Breite bespielt. Mittendrin sitzt die Band und spielt live von der Bühne. Was spät in der Inszenierung auffällt: Der große, fahrbare Spiegel an der Decke. Wird dieser heruntergelassen, schrumpft die Bühne plötzlich auf einen, vom neonrotem Licht bestrahlten, Club, in dem die freie Liebe den Anfang der 60er besingt –  Cool! 

Und wie sie es besingen! Was wäre ein perfektes Musical ohne eine hochkarätig und vor allem passend besetzte Cast? Nein, die ganz großen Namen findet man in dieser Show nicht und das ist auch mehr als gut so. Ensembleleistung wird sehr ernst genommen. So darf man sich über acht Tänzer:innen und Sänger:innen freuen, die die Show zusammenhalten. Das Besondere hierbei: Diese sind zugleich die Zweitbesetzungen der Hauptrollen und bekommen innerhalb der Show immer wieder die Möglichkeit, die Besetzung des Abends gesanglich und tänzerisch zu covern – das macht Spaß und erhält die Qualität in Gesang und Tanz der großen Rock’n’Roll-Nummern. 

Die Hauptrolle der Monika übernimmt Sandra Leitner. Und wie im Intro besungen ist diese wirklich “unmöglich” – unmöglich gut. Hört man sie auf der Cast-CD, traut man ihr so eine Leistung noch gar nicht so recht zu, aber in ihren Soli zeigt Leitner, was sie gesanglich und schauspielerisch kann. Monika ist frei und laut, gleichzeitig verschreckt und schüchtern. Diesen Kontrast spielt sie immer wieder hervor und zeigt die Entwicklung ihrer Figur in so vielen Facetten. Ihr zur Seite stehen die beiden Davids. David Jakobs als Freddy und David Nàdvornik als Joachim Franck. Letzterer hat im Zusammenspiel mit Leitner die wohl schwierigsten Szenen abbekommen. Eine Vergewaltigung auszuspielen, ist selbst für Schauspieler nicht an der Tagesordung. Er spielt und singt jedoch mehr als souverän und sorgte bei  mir mit “Ich will nicht werden wie mein Vater” – dieser übrigens nostalgisch-politisch besetzt mit Rudi Reschke-  für einen der ersten Gänsehautmomente.

Konträr dazu dann Jakobs als freiheits- und frauenliebender, vagabundierender und weltoffener Freddy. Niemandem hätten sie diese Rolle so gut auf den Leib schreiben können wie ihm. Jeder seiner schnellen Anschlüsse sitzt, er ist in seinen tiefgründigen Momenten voll da und bringt mit seinen stimmungsvollen Liedern das Theater zum Beben. Dem anschließen kann sich an diesem Abend wohl vor allem Katja Uhlig als Caterina Schöllack. Zweifelsohne, sie hat die schwersten Songs des Stücks abbekommen. Die Überraschung ist dem Publikum anzumerken, als sie plötzlich Oper singt und damit – ich kann es nicht anders ausdrücken – den Laden komplett auseinandernimmt. Nicht umsonst bekam sie den ersten und einzigen applausbedingten Showstop. 

In meiner Welt sind wir frei – Liebe sollte fliegen.

Und dann sind da noch die Paarkonstellationen – Isabel Waltsgott und Holger Hauer als Eva Schöllack mit ihrem Professor der Psychotherapie Fassbender. Waltsgott als sehr zierliche, trotzdem fast schon draufgängerische Eva in Paarung mit dem klar führenden Fassbender zu sehen, macht einfach Spaß. Holger Hauer hat man nicht unbedingt auf dem Schirm, gerade deshalb zünden seine frauenverachtenden Theorien zur Hysterie und Trieben im Publikum sehr: “Frauen müssen regelmäßig besamt werden, ansonsten löst sich die Gebärmutter und wandert ziellos durch den Körper, heftet sich vielleicht sogar an das Hirn.”

Wie weit seine Theorien gehen, zeigt er im Zusammenspiel mit Tamara Pascual als Eva, die brave, konservative und älteste Schwester der Schöllacks mit durchaus zynischen Momenten, und Dennis Hupka als ihrem Mann Wolfgang. Wolfgang ist schwul, begibt sich bei Fassbender in Therapie, kann seinen Leidensdruck aber irgendwann nicht mehr verbergen. Eine Entwicklung, die nur durch subtile und schnelle Wendungen sowie clever choreografierte Momente in ein zweieinhalbstündiges Stück passen kann. Dennis Hupka nimmt diese Herausforderung an und rührt vor allem in seinem Solo “Ein besserer Mensch” zu Tränen.

Monika – sie ist unmöglich. Du verbrennst dir deine Hände, leg dich lieber nicht mit ihr an!

Ich habe im deutschsprachigen Raum noch nie so ein ausgereiftes und perfektes Musical gesehen. Natürlich machen Disney-Shows Spaß, was mir persönlich aber noch viel mehr Spaß macht, sind gute Geschichten, moderne Dramaturgie und die Leidenschaft, Theater neu und anders zu denken. Hier wird mehr als ein Risiko eingegangen und es zahlt sich sowas von aus. Caster im Musical sind immer auf der Suche nach einem “Triple Threat” – dem idealen Darsteller, jemand der perfekt singt, tanzt und spielt. Ich glaube, wir sollten viel eher anfangen, diese Qualität im deutschsprachigen Musical zu suchen.

Vielleicht haben wir sie auch schon gefunden. Ku’Damm 56 ist ein verdammter Triple Threat! Sensationell. 

Klickt hier, um einen exklusiven Einblick in die Inszenierung zu bekommen.

weitere Informationen

Besetzung am 28.11.2021 (Premierencast)

Monika: Sandra Leitner

Caterina: Katja Uhlig

Helga: Tamara Pascual

Eva: Isabel Waltsgott

Freddy: David Jaokobs

Joachim: David Nàdvornik

Wolfgang: Dennis Hupka

Otto Franck: Rudi Reschke

Fassbender: Holger Hauer

Assmann: Thorsten Tinney

Gerd Schöllack: Marco Billep

außerdem: Vanessa Wilcek, Nele Neugebauer, Kiara Brunken, Kate Moss, Nico Went, Florian Heinke, Alexander Wilbert & Patrik Cieslik

Literatur – Bühnen – Meinungen

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