“Freiheit ist die schönste Stadt der Welt.” So geht eine Zeile in “Wir sind am Leben”, dem neuen Musical von Franziska Kuropka & Lukas Nimscheck (Buch & Regie) sowie Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange (Musik) im Theater des Westens. Für die Choreografie konnte abermals Jonathan Huor gewonnen werden, Bühnenbild von Adam Nee, Lichtdesign erneut von Tim Deiling
In ihrem wohl persönlichsten Stück erzählen die beiden Rosenstolz-Musiker Plate und Sommer autofiktional von ihrem Leben in den 90ern in Berlin. Und Hot Take vorab: Dieses Stück zeigt, dass es mehr als eine Wendegeschichte gibt.
Sitzplatzempfehlung: Reihe 5/ Platz 1 (Details), ab Reihe 1 Hochparkett (Gesamtblick)
Mir ist das Kondom gerissen, hab’s ihm nicht gesagt, hab ich ihn auf dem Gewissen?
Berlin, 1990. Mauerfall, Aids-Krise, Westabwanderung. Im „Konsum Hoffnung“, einst Supermarkt und Seelsorge, richten sich jene ein, die im Osten geblieben sind. Doris (Kathi Damerow) als esoterische Kollektiv-Mutti, Aktivistin Ramona (Johanna Spantzel) und ihre Partnerin Brigitte Lucille-Mareen Mayr). Der kubanische Tänzer Nando (Daniel Pohlen) und sein Partner Bruno (Jörn-Felix Alt), Drag-Künstler, der als “Die Dietrich” Abend für Abend im Underground auftritt. Und natürlich Nina (Celina dos Santos) und Mario (Markus Spagl), die vor dem Friseursalon und ihrer Mutter Rosi (Steffi Irmen) aus Wittenberg fliehen und nun in Berlin als Popstar und Fotograf die Freiheit suchen.
Es gibt eine Sache, die ich an diesem figurengetriebenen Stück so herausragend gut finde, dass ich sie sofort erzählen möchte. Es geht einmal nicht um eine weibliche Figur, die sich in einen Mann verliebt, von ihm gerettet oder dank ihm erfolgreich wird. Und entgegen vieler Erwartungen ist dies auch nicht die 90er-Berlin-Revue der Heteros und Trabifans. “Wir sind am Leben” interessiert sich nicht für das, was man schon kennt. Es ist die Geschichte der Subkultur, der zerbrochenen Familien, der queeren Community. Wen das ernsthaft überrascht, der hat die letzten fünf Jahre im Theater des Westens verschlafen.
Und erlaubt mir einen persönlichen Kommentar: Warum sollte ein neues Berlin-Musical so sein wie “Linie 1” oder “Hinterm Horizont”? Wieso wird kritisiert, was in anderen Kontexten nie eingefordert wird? Niemand beschwert sich im Nachhinein darüber, dass es in klassischen Wende-Erzählungen keinen Darkroom, keinen Männersex und keine Polybeziehungen gibt – obwohl das genauso dazugehört wie die Mauer.
Kuropka und Nimscheck setzen hier an. Ihre Regie gewichtet neu. Sie geben Figuren Raum und Widerspruch – und vertrauen darauf, dass ein Abopublikum mehr aushält als den Musicalplot mit schwulem Sidekick, 11-o’clock-Nummer und geretteter Heldin.
Ich habe schon aus wesentlich schlechteren Gründen mit Typen geschlafen.
Apropos: Nina. Sie schläft mit vielen Männern – nicht als moralischer Kommentar. Sie kann das, also tut sie es. Dabei träumt sie von der großen Popstar-Karriere und ist damit unverkennbar und spätestens im großen Publikumsmoment von “Die Schlampen sind müde” eindeutig angelehnt an die verstorbene Rosenstolz-Sängerin AnNa R. Celina dos Santos nimmt diese Rolle so selbstverständlich ein – mal rotzig, mal laut, sehr rockig und trotzdem nahbar. Diese Frau garantiert mit ihrer Stimme Gänsehaut und sorgt nicht nur einmal für ganz große Theatermomente.
An ihrer Seite: Markus Spagl als Ninas Bruder Mario. Anfangs zurückhaltend, dann mittendrin: in der Stadt, in Begegnungen, in Beziehungen zu Männern. Gemeinsam mit Bruno und Nando entsteht eine offene Beziehung, die nicht erklärt wird, sondern einfach da ist. Im Zusammenspiel mit Nando alias Daniel Pohlen entwickelt sich daraus eine Dynamik, die leicht wirkt, oft komisch ist. Auch, wenn hintenraus leider einige Fragen offen bleiben und ich gerne noch mehr über beide Figuren und ihren Weg, ihre Charakterentwicklung gewusst hätte.
Ich brauch’ Farbe und Volumen, mehr Glanz im Leben
Und Bruno (homosexuell, aber ein ganz netter!). Immer wieder Bruno in der fantastischen Besetzung mit Jörn-Felix Alt. Eine schillernde Figur als “Die Dietrich”, eine nostalgische, sensible Seele ohne Perücke. Mit “Supernovadiscoslut” sorgt er direkt zu Beginn für einen der ikonischsten Starmomente des Abends und setzt den Ton für die oft tragische, gleichzeitig wunderschöne Entwicklung, die sein Charakter über die kommenden drei Stunden machen wird. Mit Alt lacht man, weint man, fühlt man. Durch seine wahnsinnige Stimm- und Bühnenpräsenz nimmt er den Raum ein, gewinnt jede Sympathie und ist dabei so durchlässig, so zerbrechlich, dass man immer wieder aufstehen und ihm mit Tränen in den Augen zurufen möchte, dass schon alles gut wird.
Stellvertretend fürs Publikum übernimmt das auf der Bühne Steffi Irmen als Rosi. Eigentlich Mutter von Mario und Nina, nimmt sie sich schnell “Der Dietrich” und vor allem ihrer blonden Haarpracht an. Als Imposter kann sie das auch, schließlich waren neben Kathi Witt auch Carmen Nebel und die lila Farbe der Honecker ihre Werke im Haarsalon. Warum sie dann aus dem Osten wergmusste und zur Persona non grata wurde, erzählt Steffi Irmen in ihren gewohnt-genialen Showstoppersongs und schönstem Leo-Look. Dreimal Applaus in einem Song, das schafft nur sie!
Hat meine Welt sich wirklich gedreht?
Was dieses Stück trägt, sind nicht nur die großen Linien, sondern die vielen kleinen Verschiebungen dazwischen. Momente, die einfach passieren. Allen voran Kathi Damerow als Kollektiv-Mutti Doris. Sie spielt diese Figur nicht als Witz, sie spielt sie ernst. Und genau deshalb funktioniert sie. Ihr Timing sitzt einfach und sorgt mehr als einmal für Lacher in den schlimmsten Momenten. Oder Nik Breidenbach als liebenswerter, schüchterner Günther. Er trägt Kleider, liebt Doris, und das ist halt so. Und natürlich auch Lucille-Mareen Mayr und Johanna Spantzel als Brigitte und Ramona. Sie loten immer wieder ausufernd und herrlich bissig aus, wie viel Leben sie abseits des Konsum Hoffnung aufbauen können und ob sie wirklich bereit dafür sind.
“Wir sind am Leben” meint das ernst – den Titel. Zuerst natürlich das Ensemble, das immer wieder für berührende Momente abseits der großen Solos sorgt. Alexander Hartmann etwa, der ganz leise die ersten Zeilen des Titellieds anstimmt, während er auf seinen HIV-Test wartet. Die Tänzer:innen in großen Disconummern, die Huor so wunderbar leicht, so typisch Berlin und beinahe ekstatisch choreografiert. Im Bühnenbild, das mal Konsum, mal Platte, mal Darkroom oder Strobo-Schuppen ist.
Und doch: Dieses Stück will viel. Vielleicht manchmal zu viel. Figuren verschwinden zu schnell, Entwicklungen werden angedeutet, nicht zu Ende geführt. Vieles sind Zwischentöne: stark, wenn man genau hinsieht, herausfordernd, wenn man es nicht tut. Das ist kein Fehler. Es ist eine Entscheidung. Aber eine, die vom Publikum verlangt, mitzudenken, mitzugehen, Lücken auszuhalten. Ich bin gespannt, wie gut das klappt und wer da in der älteren Generation nicht doch mal kurz die eigenen Memoiren vermisst.
Bruno sagt: Manchmal muss man in den Urlaub fahren, um sich zuhause wieder auf’s gute, alte Körnerbrot zu freuen. Ich finde: Körnerbrot gab es im Musical lange genug. Zeit, dass wir wieder Hunger kriegen.