SCHOLL – Die Knospe der Weißen Rose in Magdeburg: eine Wucht!

“Die Weiße Rose war nur der Name der ersten vier von insgesamt sechs Flugblättern”, so geht der Anfang aus dem Musical “SCHOLL – Die Knospe der Weißen Rose” von Titus Hoffmann (Text & Regie) und Thomas Borchert (Musik). Und dieser Satz soll prägend für den Abend werden. Denn während die Festnahme und der Tod von Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Kurt Huber im kollektiven Gedächtnis fest verankert sind, bleiben die Ursprünge ihres Widerstands oft im Schatten der historischen Rezeption. In einer nicht-linearen Erzählstruktur entfaltet sich die Handlung über Rückblenden und Vorausdeutungen, ausgehend von einem zentralen Wendepunkt im Leben Hans Scholls. Und dieser beginnt in einer Skihütte. 

Eine Skihütte, Hans Scholl und die AdF in Magdeburg

Die AfD Sachsen-Anhalt hält ihren Parteitag fußläufig vom Theater, zeitgleich zur Wiederaufnahme des Stücks am 11.4.2026. Während auf der Bühne an den Mut der Weiße Rose zur NS-Zeit um 1943 erinnert wird, versucht nur wenige Straßen weiter, eine gesichert rechtsextreme Partei ihre politische Macht zu sichern. Mehr muss man über die Gegenwart nicht wissen, um die Dringlichkeit dieses Abends zu begreifen.

Erzählt wird die Geschichte rückblickend von Traute Lafrenz, einst Partnerin und enge Vertraute von Hans Scholl. Sie führt das Publikum in eine Skihütte zu Silvester 1941/42. Ein flüchtiger Moment der Unbeschwertheit, in dem Hans und Sophie Scholl, ihre Schwester Inge und einige Kommilitonen den Krieg ausblenden – und sich in verbotener Literatur verlieren.

Während einer gemeinsamen Lektüre von Dostojewski verbinden sich Zeitebenen: Hans wird immer wieder in Gespräche mit dem Soldaten Rolf sowie mit seinem Freund Alexander  „Shurik“ Schmorell zurückgeworfen. Diese Erinnerungen zwingen ihn, sich der eigenen inneren Zäsur zu stellen – der Abkehr vom Nationalsozialismus und der Verurteilung nach §175 – und konfrontieren ihn mit der Frage, ob er diese Wahrheit teilen kann. 

© Andreas Lander

“Der § 175 des Strafgesetzbuches (StGB) stellte in Deutschland von 1871 bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Er diente der Kriminalisierung homosexueller Männer und führte zu zehntausenden Verurteilungen, besonders durch die NS-Verschärfung. Erst am 11. Juni 1994 wurde der Paragraph endgültig gestrichen. (BMBFSFJ, 2026)

Dieses Stück will viel und erzählt noch mehr.

Dieses Musical will viel und erzählt noch mehr. Gerade zu Beginn wirkt das mitunter überfordernd: Die verschiedenen Handlungsebenen sind szenisch lediglich durch Lichtwechsel und abrupte Dialoganschlüsse markiert, wodurch die narrative Orientierung zunächst erschwert wird. Ich brauchte einen Moment, bis sich ein roter Faden herauskristallisierte.

Auch musikalisch und sprachlich verweigert sich das Stück gängigen Sehgewohnheiten: Die Partitur bleibt oft lyrisch statt eingängig, die Sprache gehoben und stellenweise fast literarisch. Angelehnt an die originalen Dokumente und Gedichte von Hans. Wer sich darauf nicht einlässt, dem bleibt nur eine abstrahierte Kulisse aus vielen Holzbalken. Gerade darin liegt jedoch auch die Kraft der Inszenierung: Sie setzt auf Abstraktion, starke Dialogarbeit und historische Präzision statt Vereinfachung. Ich mag das. Und der tosende Applaus am Ende gibt diesem Stück recht. 

© Andreas Lander

Das Ensemble ist eine Wucht!

Was diesen Abend aber wirklich zusammenhält, sind seine Darsteller:innen. Celena Pieper spielt Sophie Scholl draufgängerisch, manchmal fast launisch – und vor allem mit enormer stimmlicher Wucht. Bianca Basler setzt als Inge einen ruhigeren, vernunft geleiteten Gegenpol, bleibt dabei aber durchgehend präsent.

Judith Caspari führt als Traute Lafrenz durch die Geschichte und hält sie emotional zusammen – besonders in den Szenen mit Hans, in denen die für mich stärksten Momente entstehen. Alexander Auler zeigt diesen Hans Scholl als zerrissene Figur, getrieben von inneren Konflikten, und sorgt mit seinem Wandel immer wieder für Gänsehaut. Insbesondere zum Ende hin wird klar, was für eine Wucht diese emotionale Darstellung entfaltet. Als Hans von der Verurteilung seiner Schwester träumt und sich gleichzeitig vor Traute outet, wird der Saal ganz ruhig. Gänsehaut!

Gerade diese Intensität braucht aber auch ihre Gegenpole – und genau hier funktioniert das Zusammenspiel mit Fin Holzwart als Alexander Schmorell besonders gut: Zwischen philosophischen Exkursen erlebt man hier den Kern der Weißen Rose und seiner Flugblattaktionen. Komplettiert wird das Ensemble von Lara Kareen und Raphael Binde als Freddy und Ulla, die mit ironischen Momenten wie „Am Sonntag kommt zum Kaffeeklatsch der Führer“ gezielt kleine Brüche setzen und dem Abend etwas Leichtigkeit zurückgeben.

© Andreas Lander

Die Botschaft ist am Ende deutlich

Was an diesem Abend nicht glückt und hier leider auch Erwähnung finden muss, weil es auffallend oft enttäuscht: Die Technik. Im ersten Akt durchweg zu leise, zu stumpf, so dass nur die hohen Töne wirklich zünden und man das Können des Ensembles zwar erkennt, es den Saal aber kaum erreicht. Im zweiten Akt bessert sich dies etwas, dafür fallen in entscheidenden Schlüsselmomenten die integrierten Beleuchtungen aus und verwandeln den Saal kurzerhand zur grell bunten Disko. Unpassend. 

Doch das tut dem Inhalt des Stücks keinen Abbruch. Die Botschaft wird klar, der Abend endet ruhig und doch mit dem eindeutigen Damokles dessen, was die Gruppe nur ein Jahr später in München erwartet. Ich möchte es noch einmal betonen: DAS ist das, was Musical kann und was wir ihm viel häufiger erlauben sollten: Geschichten einen neuen Blickwinkel geben, Figuren Emotionen und ein Gesicht geben, daran erinnern, was nie mehr sein darf.  SCHOLL ist eine emotionale und inhaltliche Wucht. Bereitet euch gut darauf vor und lasst euch darauf ein. Ihr werdet es zu keiner Sekunde bereuen. 



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