Dracula (Musical): Horror, Klischee & Chaos

“Dracula” ist nicht nur ein Roman-Klassiker von Bram Stoker (1897), sondern auch ein Musical aus der Feder von Komponist Frank Wildhorn sowie Libretto von Don Black und Christopher Hampton, das 2001 erstmals in Amerika aufgeführt wurde und seinen Weg ab 2005 immer wieder auch auf die deutschsprachigen Musicalbühnen schaffte. Aktuell ist es mit Showslot auf Tour und nun für knapp einen Monat im Bluemax-Theater am Potsdamer Platz zu sehen. Ich durfte die Premiere besuchen und sagen wir’s mal so: Der Horror per Genredefinition wurde ernst genommen. Vielleicht ein bisschen mehr als beabsichtigt.

Ich bin geboren, um dich zu lieben

Der Anwalt Jonathan Harker besucht Graf Dracula auf seinem Anwesen. Als dieser zufällig das Bild von Harkers Frau Mina sieht, spürt er eine dunkle Verbindung zu dieser Frau. Er folgt ihr nach London, wo er nicht nur Anhänger findet, sondern in Minas Freundin Lucy auch sein nächstes Opfer. Für sie kommt jede Hilfe des berühmten Vampirjägers Van Helsing und seinen Anhängern zu spät. Doch vielleicht können sie Mina retten, bevor sie Dracula endgültig folgt? 

© Nico Moser

Mina bringt die Geschichte in einem Solo relativ einfach auf den Punkt, als sie sinngemäß singt: “Ich bin geboren, um dich zu lieben”. Viel mehr Geschichte gönnt man den Frauenfiguren in dieser Geschichte leider auch nicht. Während die Männer heldenhaft, erfolgreich und unerschrocken gegen das Böse kämpfen, dürfen die Frauen zwar ein Ballkleid nach dem anderen tragen, sind gleichzeitig aber vor allem heirats-, beißens- und begehrenswert. Vielleicht noch naiv oder zumindest sehr anfällig für dominante Vampire in Lederhosen. Es ist nicht so, als wäre mir der Plot vorher nicht geläufig gewesen. Ich habe schlichtweg nicht damit gerechnet, dass die Geschichte so wenig progressiv erzählt wird und mich mittendrin gefragt, ob das wirklich noch das ist, was wir 2026 so ungefiltert auf einer Bühne zeigen wollen? Leider relativ underwhelming. 



mächtige Musik & schwache Momente

Und dieses Gefühl zog sich irgendwie durch den Abend. Mir hat so viel von dem gefehlt, was gutes Musical ausmacht: klare Regie, starke Choreografien, mutige Dialoge. Da war einmal zu viel ein Ensemble, das einem Tisch hinterher über den Boden kroch, statt ihn einfach rauszutragen. Eine zu volle Bühne, um einer großen Ensemblenummer eine coole Choreografie zu gönnen. Eine männliche Heldengeschichte, getragen von der klischeehaften Darstellung der Darstellerinnen. Und statt Schauspiel oder dem Mut, diesen Stoff neu oder wenigstens moderner zu denken, verlor er sich spätestens im zweiten Akt in endlosen Balladen und kitschigen Liebeshymnen. Immerhin waren diese grandios gesungen. Und das ist vielleicht auch der Lichtblick des Abends: Die Musik. Frank Wildhorn kann sie einfach, die großen Musicalnummern, die Gänsehautmusik. Das macht Spaß und wenn man die Augen dabei schließt, kann die Show auch richtig viel.  

Irgendwas zwischen lieblos & Holzpflock

Lasst mich eines betonen: Ich weiß, dass all diese Entscheidungen nicht bei der Cast liegen. Viele davon durfte ich bereits in anderen Produktionen glänzen sehen, ich bin großer Fan, vor allem von den Hauptdarsteller:innen. Umso trauriger ist es dann, sie hier so unsortiert auf dieser wirklich winzigen Bühne zu erleben. Es wirkt alles so chaotisch, so überladen, leider deshalb manchmal fast unfertig. Irgendwie auch lieblos. Vielleicht war es einfach nicht mein Stück, vielleicht ist es aber auch Zeit, Dracula den Holzpflock zu gönnen. Sorry. 

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