Das Theater des Westens könne ab sofort auch prima „Theater des Ostens“ heißen, scherzten die Intendanten Peter Plate und Ulf Leo Sommer kürzlich bei einer Pressekonferenz. Nicht ganz abwegig. Mit „Salon Rosie“ erzählen Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck (Buch & Regie) in einem zwei-Frauen-Musical nämlich ein Stück Vorgeschichte ihres Hits „Wir sind am Leben“ (Premiere: März 2026) – es spielt in Ostdeutschland. Für Musik und Songtexte sind wie üblich das Trio Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange verantwortlich. Die Choreografie übernimmt Nele Neugebauer, Kostüme stammen von Heike Seidler.
David Hasselhoff, das Theater des Ostens und Fröhlichkeit
Weltstadt Wittenberg, 1980. Rosi und Gabi Fröhlich, Zwillinge und einst gefeierte DDR-Kinderstars, führen inzwischen den Friseursalon ihres Vatis. Während Rosi ihr scheinbares Glück im sozialistischen Alltag gefunden hat, träumt Gabi weiterhin vom Star-Leben. Als das DDR-Plattenlabel AMIGA mit einem Vertrag winkt, tauscht sie kurzerhand Kreppeisen gegen Rampenlicht. Rosi bleibt zurück. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes muss sie ihre Kinder allein großziehen und trifft Entscheidungen, deren Folgen über die deutsch-deutsche Geschichte hinausreichen. Zehn Jahre später reißt David Hasselhoff in Berlin die Mauer ein. Nur zwischen den Schwestern steht sie höher als je zuvor.
Wie schon „Wir sind am Leben“ verzichtet auch „Salon Rosie“ darauf, jede Lücke der Geschichte zu schließen. Stattdessen gibt’s Zeitsprünge, urkomische Rückblenden und tragische Fragmente. Gegensätze, die können Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck einfach verdammt gut. Und Dialoge sowieso. Sie fordern das Publikum zum Mitdenken, zu eigenen Wahrheiten und zur Erkenntnis, dass auch an diesem Abend nichts ganz so Schwarz-Weiß ist. Wie eine Tönung eben.
Dass der Salon dazwischen nicht aus dem Gleichgewicht gerät, ist vor allem Steffi Irmen und Kathi Damerow zu verdanken. Zwei Frauen mit unfassbarem Timing und dem richtigen Gespür für ihre Crowd. Als schnödes Theaterpublikum darf man die Fans im Theater des Westens wohl kaum mehr bezeichnen.
Da wird konsequent jeder Gag beklatscht, die Insider ausgespielt und eine einzige Lederjacke reicht für einen halben Showstopper. Der Saal liegt ihnen zu Füßen. Kuropka und Nimscheck haben das Buch auch für die Fans geschrieben. Ich liebs.
Ich hoffe, dass der Sandmann überlebt.
Damerow darf als Gabi den Schlagerstar geben, inklusive 2raumwohnungs „36 Grad“, MS Völkerfreundschaft, Glanz und Glamour. Wenn wir dachten, wir hätten an diesem Theater schon alles gesehen – Kathi Damerow hat gefehlt. Was für eine Show! Irmen hält als Rosi dagegen. Nicht weniger schrill, nur weniger Paillette. Spätestens, wenn sie nach dem zweiten Tonartwechsel ihr Lied immer noch nicht ausgesungen hat und augenzwinkernd noch einen letzten, nie endenden Ton gönnt, tobt der Saal. Doch sie können beide auch die stillen Momente, die weniger-Fröhlich-Schwestern. Genial, genial, genial!
Apropos. Da ist noch das Ensemble – Ben Knop in Personalunion. Als männlicher Gegenpart spielt er alles vom ordinären Moderator bis zum Osttour-Tourist und Stasimann. Jede Rolle könnte dabei als eigene Kabarettnummer durchgehen, lockert den Abend auf und zeigt, was für ein wandelbarer Schauspieler er ist.
Szenisch ist mehr los als beim letzten Spin-off “Die Amme”. Damals noch ein paar Kantinenstühle, gibt es diesmal Szenenbilder mit Friseursalon, Kreuzfahrtschiff und TV-Studio. Das sieht toll aus, die Ausstattung hat ganze Arbeit geleistet. Für mich hat es hier und da an den Übergängen gehapert. Der schwarze Vorhang wurde irgendwann zur gefühlten Alleinlösung für den schnellen Umbau. Ich mag die einfachen Lösungen dazwischen – ein drehendes Bett für meine persönliche Lieblingsszene zwischen Gabi und Rosi, eine geteilte Bühne für die entzweiten Schwestern, einen spontanen Auftritt von der Seite – mehr, als das Spiel vor dem Vorhang und ständige Blacks. Ist aber Geschmackssache.
Musikalisch gibt’s zu all dem DDR-Schlager satt – und ein bisschen Rosenstolz mit den tollsten Szenenmomenten! Große Gesten, große Gefühle, ja, auch große Banalitäten. Nele Neugebauer lässt ihr Tanzensemble, den „Rest vom Fernsehballett“ (Elisabeth Bohaumilitzky, Clara Marie Hendel und Lars Wandres), mit reichlich Zeitkolorit über die Bühne wirbeln. Macht Spaß, sieht herrlich aus der Zeit gefallen aus – ich liebe „36 Grad“! Doch zwischen eingängigen Melodien und gefälligen Lyrics vermisste ich musikalisch jenen Kick, der die bisherigen Produktionen am Theater des Westens so schön rotzig und provokant gemacht hat. Viel Gedudel, weniger Amok am Klavier. Schade.
Sei wie wir, Pionier!
Dabei hätte „Salon Rosie“ durchaus Stoff für mehr als Ost-Revue mit Kinderstar & Pionier. Westflucht, Staatssicherheit, die Widersprüche eines Systems, das seine Bürger festhalten will, während sie längst von einem anderen Leben träumen. Alles da. Nur selten lange genug, um wirklich unbequem zu werden. Und auch zu einfach gelöst. Natürlich muss nicht jede politische Verstrickung auserzählt werden, aber ich mochte immer, dass das Theater des Westens wenig Offensichtliches, Nostalgisches erzählt. Da bleibt „Salon Rosie“ zu wässriger Muckefuck. Oder ich zu wenig Ossi, um die Zerrissenheit des Landes und der Familie wirklich zu fühlen.
Und dann wäre da noch die Sache mit der Vorgeschichte. „Salon Rosie“ bedient einige „Wir sind am Leben“-Insider mit liebevoll platzierten Bühnenmomenten, die im Publikum sofort zünden. Andere Verbindungen bleiben erstaunlich ungenutzt. Warum wird die zerbrochene Beziehung zu den Kindern nur nacherzählt? Wo ist Katarina Witt? Warum greift Gabi zwar Rosis ikonischen Zebralook aus „Wir sind am Leben“ auf, die Schwestern stehen am Ende aber nicht gemeinsam darin auf der Bühne? Und was wird aus Gabi, während Rosi später im „Konsum Hoffnung“ landet? Nicht jede Frage verlangt eine Antwort. Aber es wäre schön gewesen, hier ein bisschen mehr zu verweben.
Versteht mich nicht falsch. Ich mag viel am “Salon Rosie”. Ich mag, dass das Stück sich nicht vergleichen lässt und dass es nicht zum Rest passt. Ich mochte auch die ältere Frau neben mir, die wirklich jeden DDR-Witz für sich gemurmelt bejahte und oft genug ihr Taschentuch zückte. Vielleicht muss ich einfach anerkennen, dass das Stück nicht für mich geschrieben wurde. (Ganz uneitel, ich weiß.)
Achtung, wird jetzt auch noch kurz persönlich: Ich habe es geliebt, meinem Opa bei seinen Geschichten zuzuhören, wie er bei uns in der ostdeutschen Kleinstadt gegen das System rief. Wie er deshalb nicht nur einmal fast rübermachte. Dass seine Stasiakte verbrannt wurde und er bis zu seinem Tod nie wusste, welche Freunde er wirklich hatte. Dass er das Archiv damals geräumt und davor seine letzte Zigarette geraucht hat.
Vielleicht wünsche ich mir gerade deshalb mehr von der Geschichte abseits vom Ostrock, noch mehr politische Reibung. „Salon Rosie“ ist ein unterhaltsamer, stellenweise berührender Abend, getragen von zwei herausragenden Darstellerinnen. Einer, der viel zu erzählen hat. Und manches davon leider für sich behält. Aber allein für Steffi und Kathi würde ich’s doch immer wieder gucken.