"Das ist eine Geschichte über Hoffnung. "
Hoffnung. Ein Wort, das im Zusammenhang mit Anne Franks Schicksal zunächst überrascht – und doch trifft es die Aktualität ihres Tagebuchs und den Premierenabend eines neuen Musicals über ihr Leben im Hinterhaus auf den Punkt.
Anne Frank ist bis heute eine der eindringlichsten Stimmen der Geschichte: jung, klug und ja, hoffnungsvoll. Obwohl sich ihre Jugend, ihr kurzes Leben, jahrelang auf wenigen Quadratmetern in einem Hinterhaus in Amsterdam abspielt. Als Juden verstecken sie und sieben weitere Menschen sich dort, bis sie kurz vor Ende des Krieges von der Gestapo entdeckt werden. Ihr Tagebuch aus dieser Zeit wird später von ihrem Vater, der als einziger überlebt, veröffentlicht.
Mit „Nie wieder. Jetzt!“ bringt LessStage Neubrandenburg unter der künstlerischen Leitung von Christoph Deuter sowie mit Kompositionen von Agi Nelken und Levi Koseleck dieses Tagebuch auf die Bühne – und das ganz wörtlich. Die Choreografie von Sophie-Marie Podgorny findet starke Bilder, während das Bühnenbild im Zusammenspiel mit dem Lichtdesign von Ben Schönfeldt die Enge des Raumes, die Ausweglosigkeit und Stück für Stück die Bedrohung des Regimes verdeutlichen.
Ein Zeichen für Haltung
LessStage Neubrandenburg ist schon seit vielen Jahren eine sichere Adresse für außergewöhnliche Musicals in Neubrandenburg. Regisseur Christoph Deuter schafft auf beeindruckende Weise ein Zusammenspiel aus professionellem Theaterbetrieb und der Entdeckung junger Talente. Gemeinsam mit Agi Nelken (musikalische Leitung) gelingt ihm ein Gesamtwerk, das sich nicht verstecken muss. Im Gegenteil: Es setzt ein Statement für mehr Mut und klare gesellschaftliche Positionierung der Bühnen – gerade in der ländlichen Gegend Mecklenburg-Vorpommerns.
Es hat eine ganz besonders erschreckende Wirkung, wenn zehn junge Darsteller:innen auf der Bühne Naziparolen brüllen und voller schauspielerischer Überzeugung NS-Propaganda zeigen. Nicht ohne Grund wird es in diesem Moment im Publikum ganz still. Gerade diese Generation, die oft als zu sensibel, zu selbstbezogen beschrieben wird, beweist in diesem Stück das Gegenteil: Haltung zeigt sich nicht im Wegschauen, sondern im Aushalten. Dass junge Menschen den Mut haben, diese Bilder so ungeschönt auf die Bühne zu bringen, ist das, was bleibt. Theater muss wehtun, konfrontieren und sichtbar machen, was nicht vergessen werden darf. Und was das für eine Wirkung hat zeigt sich spätestens, als ich in der Pause mit einer Zeitzeugin ins Gespräch kommen darf. Sichtlich bewegt erzählt sie mir ihre Geschichte und betont einmal mehr, wie wichtig diese ungeschönte Darstellung für den Dialog und das nicht-Vergessen ist.
Über das Leben im Hinterhaus und die Welt da draußen
Vergessen darf man auch die Menschen im Hinterhaus nicht. Otto Frank, in der starken, liebevollen Darstellung von Frank Richardt, wird zum besonnenen Mittelpunkt. Gemeinsam mit Edith (Ulrike Lindhorst) versucht er mit aller Kraft, ihre Töchter Margot und Anne vor den Grausamkeiten des NS-Regimes zu schützen. Sie sind die Ersten, die ins Hinterhaus gehen. Später folgen Auguste und Hermann van Daan (charakterstark: Kerstin Menz-Richardt und Diethard Wegner-Rammin) gemeinsam mit ihrem Sohn Peter.
Im Verlauf kommt außerdem der Zahnarzt Fritz Pfeffer ins Hinterhaus der Prinsengracht 263. Gespielt von Malte Schubert wird diese Rolle zu einem kleinen Highlight des Abends. Pfeffer – im Tagebuch unter dem Pseudonym Albert Dussel – steht in Annes Tagebuch vor allem für pedantische Strenge, Reibung und ständige Konflikte mit der aufmüpfigen Anne. Und doch geht die Inszenierung einen Schritt weiter. Pfeffer bringt eine Geige mit ins Hinterhaus. Das ist zwar historisch nicht belegt, doch eine bewusste Entscheidung für mehr fragile Momente, die Schubert beinahe beiläufig in die Figur einfließen lässt.
Nie wieder ist jetzt!
Im Zentrum stehen jedoch die drei Jugendlichen. Margot Frank, die ältere, vernünftige Schwester, in der ruhigen und klaren Darstellung von Emma Fabé. Peter, gespielt von Max Kalsow, der nicht nur stimmlich überzeugt, sondern vor allem im Zusammenspiel mit Anne zeigt, wie kraftvoll die scheinbar kleinen Momente sind. Und dann ist da Anne. Heda Demmin spielt sie nicht nur, sie ist dieses Mädchen. Laut, fröhlich, schlagfertig; dann wieder nachdenklich, fast poetisch. Ihre Solos und Duette berühren, ihre vielen Texte überzeugen und tragen. Besonders am Ende, wenn sie mit leicht zitternder Stimme ihren Abschlussmonolog spricht und allen im Raum klar ist: Diese Geschichte wird kein gutes Ende nehmen.
Eine besondere Idee dieser Inszenierung ist außerdem die Rolle des Tagebuchs. Regisseur Christoph Deuter lässt es durch Neele Boening als Kitty lebendig werden. Auf der Bühne ist sie mehr als eine Vertraute: sie ist Annes Freundin, ihr Weg zur Außenwelt. Sie steht für Gedanken, die bleiben, selbst als Hinterhaus längst verstummt ist. Ein kluger, berührender Kniff!
„Nie wieder. Jetzt!“ ist mehr als ein beeindruckendes Schauspiel über das Leben im Hinterhaus. Es ist ein Abend, der zeigt, wie wichtig es ist, Anne Franks Geschichte nicht zu vergessen. Weil sie stellvertretend für so viele andere Geschichten, Mut und Haltung steht.
Diese Inszenierung erinnert nicht nur, sie fordert. Sie zwingt dazu hinzusehen, wo man vielleicht lieber wegschauen würde und gibt gleichzeitig genau das zurück, was sie am Anfang verspricht: Hoffnung. Und vielleicht ist das die größte Stärke dieses Abends. Dass nie wieder eben genau jetzt sein kann.