Sterben dürfen| eine Rede

Hello, vielleicht noch als kurze Anmerkung: diese Rede durfte ich gestern in Neustrelitz, vor dem Rotary Club halten 🙂 Es geht grob gesagt um den assistierten Suizid, wenn Ärzte im Grenzfall entscheiden müssen.

Es gibt Themen, über die spricht man nicht und denkt nicht gerne darüber nach. Ich zum Beispiel rede nicht gerne über meine Mathenoten, meine Ängste oder mich selbst – das kann ich einfach nicht besonders gut. Andere reden nicht über ihre Sexualität, Kontostände oder die ellenlange To- do Liste, welche bis gestern erledigt sein sollte.

Es gibt aber auch Themen, über die niemand spricht, Themen, die im wahrsten Sinne totgeschwiegen werden. Scheinbar niemand macht sich Gedanke über den eigenen Tod oder den Tod von Angehörigen – was ist, wenn er nicht mehr ist.

Aber denkt wirklich niemand darüber nach, oder wird es in unserer Gesellschaft einfach nur so lange tabuisiert, bis man sich nicht mehr traut darüber zu sprechen?

Wie auch immer, ich traue mich, heute über den Tod zu sprechen – und begrüße Sie und euch hiermit recht herzlich!

Genauer gesagt, möchte ich heute über den assistierten Suizid sprechen, welcher medizinisch von Ärzten ausgeführt, beziehungsweise begleitet, wird.

Warum ich mich für dieses Thema entschieden habe?  Erlauben Sie mir, an dieser Stelle die großartige Hermine Granger zu zitieren: „Die Angst vor einem Namen macht nur noch größere Angst vor der Sache selbst.“

Ich glaube, es ist einfach enorm wichtig, nicht nur aufzuklären, sondern auch zum Weiterdenken anzuregen, sich kritisch mit Moral und Wertevorstellungen auseinanderzusetzen, dabei jedoch niemals aus den Augen zu verlieren, worum es im Eigentlichen geht: den Menschen. 

Wir wachsen in Deutschland auf. Ein Land, welches uns viele Möglichkeiten bietet.

Prinzipiell dürfen wir alles, solange es nicht in einem der über 1600 Gesetze verboten ist. Wir leben, lieben und entfalten uns, wann, wo und wie wir wollen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Zumindest bei gesunder Verfassung.

 Schwierig wird es dann, wenn jemand beschlossen hat, sein Leben zu beenden. Man könnte meinen: „Leben und leben lassen“ – beziehungsweise nicht. Aber so einfach ist es in Deutschland nicht – das Land in dem man Formulare ausfüllen muss, um sterben zu dürfen.

Okay, okay, ganz langsam. Beginnen wir von vorne. Ich bin, sagen wir, 36 Jahre alt, Mutter. Ich habe zwei Kinder, bin verheiratet und habe vor einigen Wochen die Diagnose Krebs bekommen. Meine Lebenserwartung liegt bei etwa 10 Monaten. Wenn ich Pech habe, dauert es wenige Tage oder Wochen, bis ich im Krankenhaus künstlich ernährt werde, nicht mehr wirklich ansprechbar bin und vor mich hin sediere – solange ich in diesem Zustand bin, wird es ohne Patientenverfügung schwierig, sterben zu dürfen. Doch wann wird es soweit sein? Heute? Morgen? Darf man noch hoffen? Ich muss mich mit der Frage auseinandersetzen, was ich möchte, was mein Mann und meine Kinder möchten – wie sollen sie mich in Erinnerung behalten, was ihre letzten Gedanken an mich sein und nicht zuletzt ist es in meinem eigenen Interesse, mein Leben bewusst zu beenden. Oder?

Dieses Schicksal ist real.  Es gibt tausende Krankheiten, welche definitiv nicht heilbar sind, starke Beschwerden verursachen und die Betroffenen ein Leben führen lassen, das menschenunwürdig ist. Angehörige werden mit belastet. Tägliches Hoffen, Enttäuschungen und schließlich doch: der Tod. Die Würde des Menschen ist unantastbar, richtig?

Um Ihnen eines klar zu machen: Wenn ich von diesem Thema spreche, meine ich Menschen, die wirkliche Probleme haben und sich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Nicht  depressive Teenager, deren Seelenstriptease so wechselhaft ist, wie das Wetter.

Sterbehilfe sollte jeder empfangen dürfen, der sie benötigt, egal aus welchem Grund – hier müssten wir auf die Objektivität mehrerer, voneinander losgelöster Diagnosen von Ärzten setzen.

Zu Beginn ihrer Karriere schwören diese einen Eid – er besagt unter anderem auch, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun werden, um das Leben des Patienten zu retten. Erkennen Sie das Dilemma? Oft müssen Ärzte ihre Behandlungen über die eigenen Moralvorstellungen und das Gewissen stellen.

Ganz gleich in welche Richtung – die Medizin darf nicht alles, was sie kann.

Muss jedes Leben unter allen Umständen verlängert werden? – Beatmung, künstliche Ernährung, das ganze Programm? Sind sie letztlich nicht nur eine Zahl auf dem Papier? Eine Summe, nicht die individuelle Differenz.

Nicht zuletzt gibt es Institutionen, die ziehen aus dieser Lebensverlängerung einen wirtschaftlichen Gewinn, auch die Wirtschaft ist am ökonomischen Wert der Behandlung interessiert –ein moralischer Totalausfall.  

Sie haben nun also beschlossen, Ihr Leben zu beenden und keine Lebenserhaltenen Maßnahmen zu ergreifen.

Wie steht eigentlich das Gesetz zum assistierten Suizid?

 Es gibt zwei Arten von Sterbehilfe: Die aktive und die passive. Legal wäre – wenn auch in rechtlichen Grauzonen – die passive Sterbehilfe, bekannt durch Patientenverfügungen, das Einstellen von Medikamenten oder auch, wenn der Mediziner dem Betroffenen die Pillen in die Hand drückt.

Aktiver am Tod beteiligt wäre er, wenn er das Gift spritzt– dies wäre  strafbar – Mord. Egal, welche Beweise er hätte, dass der Patient es aber so wollte. Da ist es wieder: Das Dilemma für den behandelnden Arzt.

Ich bin davon überzeugt, dass jemand der wirklich sterben möchte, es auch kann und tun wird. Nur, wie in zahlreichen Fällen dann eben illegal, heimlich und in Unwürde.

Ich halte es für verantwortungslos, Menschen, deren Leben durch schwere Schicksale und Krankheiten durchzogen ist, nicht sterben zu lassen. Es ist verantwortungslos, sie in andere Länder zu schicken, nur damit sie ihren Willen bekommen. Würde ist eben doch antastbar. Nehmen Ärzte in solchen Situationen nicht den Gottstatus ein, indem sie über mein Leben, mein Sterben, meine Würde entscheiden? Sie ist unantastbar, das oberste Gut meiner selbst und auch Ihres. Aber eben dieses Recht wird genommen, wenn Andere über mich entscheiden. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Ein Hoch auf den medizinischen Fortschritt! Wirklich, ich finde es großartig, wie viele neue Methoden es gibt, um Leben zu retten. Aber dieser Fortschritt löst das Problem nicht. Er verlängert es. Auch der Tod gehört zum Lebe dazu.

Ich wünsche mir, dass ich selbstbestimmt sterben darf! Ich wünsche mir einen friedvollen Umgang mit mir, meinen Angehörigen und nicht zuletzt mit dem behandelnden Arzt. Ich wünsche mir mehr Aufklärung und ein einheitliches, liberaleres Gesetz. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar.

 

 

 

5 Kommentare

  1. Liebe Sarah,
    Mit “ … – die passive Sterbehilfe, bekannt durch Patientenverfügungen, das Einstellen von Medikamenten oder auch, wenn der Mediziner dem Betroffenen die Pillen in die Hand drückt.“ vermengst Du ganz unterschiedliche Dinge: Eine Patientenverfügung kann man ebenso wenig mit Sterbehilfe gleichsetzen, wie „Einstellen von Medikamenten“ mit „wenn der Mediziner dem Betroffenen die Pillen in die Hand drückt“ vergleichbar ist. Eine Patientenverfügung ist ein absolut legales Rechtsinstrument, während Sterbehilfe und auch assistierter Suizid (derzeit) jenseits des gesetzlich Erlaubten stehen. Es gibt eine scharfe Grenze zwischen dem, was ich mir selbst (an)tue und was ich von anderen verlange, dass Sie für mich oder mit mir tun. Ich sollte von niemandem verlangen „meine Würde zu wahren“ (ich nehme an Du verstehst darunter sich zu erbarmen und jemanden auf dessen Verlangen zu töten), bevor ich bereit bin (solange ich noch urteils-, einsichts-, entscheidungs- und handlungsfähig bin) selbst umzusetzen, was ich in meiner Patientenverfügung festgeschrieben habe. Solange ich geistig noch dazu in der Lage bin, kann ich, darf ich und muss ich selbst entscheiden welcher Therapie ich zustimme und welche ich ablehne bzw. untersage.

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    1. das sind alles nur Beispiele gewesen. was passive Sterbehilfe bedeutet. Ich habe es ja in keinem Fall gleichgesetzt bzw. behauptet, dass ein Arzt der jemandem „die Pillen in die Hand drückt“ gleichwertig ist mit einer Patientenverfügung 🙂 Es ist mir bewusst, dass die Patientenverfügugn meistens eine sehr bewusste Entscheidung ist und man diese unterschreibt bevor man nicht mehr kann. Trotzdem zählt es zur passiven Sterbehilfe wenn dann eben die Maschinen oder Behandlungen abgestellt werden.

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    2. Eine Patientenverfügung ist für mich immer noch schwer zu erstellen, da es für mich etwas kompliziert ist, sie bei den ganzen zu beachtenen Regeln auszufüllen.

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  2. In Würde sterben, das wünsche ich mir. Allerdings habe ich eine Patientenverfügung immer noch nicht gemacht. Für mich liegt es daran, dass sie mir bisher zu kompliziert erscheint, denn es reichen ja nicht wenige kurze Sätze, die dann im Zweifelsfall angefochten werden können.
    Ich habe schon einige liebe Menschen beim Sterben begleitet. Hätte einer dieser Menschen mich gebeten, ihnen beim Sterben zu helfen, da sie fast gar nichts mehr allein konnten, so hätte ich es getan.
    Dass erhoffe ich auch für mich.

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  3. …. in unserem Freundeskreis ist das Thema “Sterben in Würde“ kein Tabuthema – eher allgegenwärtig und darüber sprechen wir auch – zumal fast jeder in seinem persönlichen Umfeld Familien bzw. Personen kennt, die diesbezüglich vor schwerste Entscheidungen gestellt werden.
    Natürlich ist eine Patientenverfügung hilfreich – auch wenn man scheinbar sehr viel mehr rein schreiben muss als notwendig erscheint, weil Ärzte sich bei ihrer Entscheidung im Einzelfall auf Details berufen, die der Laie gar nicht wissen kann, so warnen auch Anwälte.
    Das ist aber absolut keine Kritik an den Ärzten.
    Generell sollte für jedes Lebensende ein Mindestmaß an menschlicher Würde – das wird jeder anders definieren – gewährleistet werden.
    Ganz unerträglich ist es aus meiner Sicht, wenn Sterbende mit einem – auch finanziell – riesigem Aufwand nur noch am Atmen gehalten werden.
    Letztlich ist das Thema auch sehr geprägt durch “Wertevorstellungen“, wie sie in vergangenen Generationen gelehrt und gelebt wurden – nicht zuletzt durch den christlichen Glauben.
    Ich – katholisch- bin trotz meines Glaubens überzeugt, dass jeder Mensch ein Recht hat selber zu entscheiden.
    Dazu gehört für mich aber auch, es sollte eine Entscheidung “ in Verantwortung vor Gott und den Menschen (besonders auch auch die Angehörigen)“ sein.

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