Der Glöckner von Notre Dame [Vereinigte Bühnen Wien]

Aufführungsdauer: 2,5 Stunden
Platzempfehlung: Reihe 12, Parkett links, Platz 4

Eines vorab, weil ich selbst es erst durch Nachfrage bei der Cast erfahren habe (danke, Abla!): Beim Hören des Soundtracks oder spätestens in der Show fällt auf, dass das Z-Wort extrem oft reproduziert wird. Im Theater selbst hängt dazu ein Statement und die VBW haben dieses auch auf ihrer Webseite veröffentlicht. Sie haben im Ensemble lange über diese Reproduktion gesprochen und arbeiten eng mit der Sinti- und Roma-Community zusammen. 

Das Ensemble betritt die Bühne, die ersten Choralgesänge des Openings setzen ein und ich habe direkt Tränen in den Augen und Gänsehaut am ganzen Körper. Die sakrale Musik ist eh schon extrem fulminant, das große VBW-Orchester und die dreißig Sänger:innen des Österreichischen Chorverbandes, die jede Vorstellung unterstützen, setzen dem die Krone auf. Wow, das lässt niemanden kalt.

“Was für ein Morgen, Paris wird begrüßt von den Glocken Notre Dames”

Die Brüder Jehan und Claude Frollo könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Jehan viel trinkt, feiert und Frauen kennenlernt, stellt sich Claude in den Dienst der katholischen Kirche und wird Erzdiakon Notre Dames. Als sein Bruder plötzlich verstirbt und ihm ein behindertes Kind überlässt, zieht er dieses mit dem Namen Quasimodo  im Glockenturm der Kathedrale auf, immer darauf bedacht, dass er diesen nicht verlässt. Als Glöckner von Notre Dame beobachtet er täglich die Menschen der Stadt und entdeckt eines Tages eine Gruppe des fahrenden Volkes der Sinti und Roma. Unter ihnen ist auch die schöne Esmeralda, in die er sich sofort verliebt. Doch nicht nur Quasimodo hat ein Auge auf sie geworfen, auch Claude Frollo und dem neuen Hauptmann der Stadt, Phoebus de Martin, ist Esmeralda aufgefallen. Doch ihr Volk ist verpönt und es beginnt ein Kampf zwischen Staat, Kirche und Menschlichkeit. Achtung: Die Geschichte orientiert sich zum Ende hin nicht am Disney-Film, sondern an der Geschichte von Victor Hugo, ist damit sehr viel erwachsener und wird erst ab 12 Jahren empfohlen die Musik des Filmes von Schwartz und Menken bleibt jedoch erhalten.

“Wie sich von hier oben doch alle Menschen gleichen. Sieht man sie von hoch über der Welt, gibt’s keine Armen und auch keine Reichen.”

Die Show beginnt disney-typisch mit einem großen und bunten Eröffnungsmedley, in dem die Motivationen der Figuren und ihre Beziehungen untereinander erklärt werden. In Kutte und zum Kyrie betritt das tanz- und gesangsstarke Ensemble, das innerhalb der Show zwischen Kirchgänger:innen und dem Volk der Sinti und Roma wechselt, die Bühne. Das erste Solo bekommt Andreas Lichtenberger als Claude Frollo und macht damit sofort klar, wo der Abend für ihn hingeht. Er ist extrem einnehmend in seinem Auftritt, sehr präsent und allein durch seine Körpergröße eine Erscheinung. Zum Ende der ersten Nummer betritt dann auch endlich David Jakobs als Quasimodo den Ort des Geschehens. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund vor der Vorstellung, der einen Blick auf das Musicalplakat warf und nur meinte “Der ist doch viel zu schön für diese Rolle” und beobachte dann aus dem Augenwinkel, wie eben dieser Freund staunt, als Jakobs sich vor den Augen aller vom gutaussehenden Mann, allein durch Körperhaltung und einen offenen Umzug, in den buckligen Glöckner verwandelt. Ein extrem wirkungsvoller Kniff der Inszenierung.

Wie gut David Jakobs auch nach fünf Jahren noch in seine Parade-Rolle passt, beweist er in den darauf folgenden zweieinhalb Stunden. Nicht nur körperlich mimt er die Figur extrem überzeugend, auch sprachlich ist spannend, wie er die Entwicklung eines zurückgezogenen, fast taubstummen Menschen spielt, der immer mehr aus sich herauskommt und sich auch phonetisch weiterentwickelt. Neu ist die eingebaute Gebärdensprache, mit der sich Quasimodo und Esmeralda zwischendurch verständigen – sehr berührend. Dass David Jakobs noch dazu ein grandioser Pop-Tenor mit extrem hohem Belt  ist, der trotzdem auch die ruhigen Momente extrem musikalisch trifft, setzt dem die Krone auf und sorgte mehr als einmal für jubelnde Beifallsstürme. (Ich weiß jetzt wieder, warum der unangefochten mein liebster Musicaldarsteller ist und bleibt! Hell, war das gut! [vollkommen subjektive Anm. d. Red.])

“Seht, wie ich tanz, zu dem Rhythmus meines Tambourins”

Nicht weniger beeindruckend ist auch Abla Alaoui als Esmeralda. Sie ist eine wahre Frohnatur, extrem natürlich auf der Bühne, sehr taff – genau so, wie die Rolle es verlangt. Gleichzeitig spielt und singt sie wahnsinnig emotional und rührte mich im Duett mit Dominik Hees als Hauptmann Phoebus de Martin mit “Einmal” zu Tränen. Wunderschön! Wenngleich mir Hees in seiner Rolle hier und da etwas zu locker unterwegs war. Ich fand diese freiere, unbefangene Interpretation spannend, hätte mir aber etwas mehr Bindung zu Esmeralda gewünscht.

Locker spielte auch Mathias Schlung Clopin Trouillefou, den Anführer der Roma-Gruppe. In passenden Momenten sorgte er im doch sehr ernsten Tonus des Stücks für Aufheiterung und einige Lacher. 

Beata Maria du weißt, ich war noch nie so schlecht, nie so gemein und geil wie jeder Mann! Ein Feuer der Hölle aus tiefstem Höllenschacht.”

Und dann ist da noch Andreas Lichtenberger. Nach seiner starken Eröffnung spielt er sich warm und interpretiert die Rolle des Claude Frollo extrem aktuell und treffend. Seine Gier nach Esmeralda und die Dominanz gegenüber Quasimodo erreichen ihren Höhepunkt, als er in einer sehr intensiven Szene mit Esmeralda versucht, diese mit Gewalt für sich zu gewinnen. Sein anschließendes “Feuer der Hölle” – Randnotiz: eine der spannendsten Bariton-Balladen und eines der Lieblingsstücke des Komponistenteams Schwartz und Menken – , seine Körpersprache und seine Betonung machen klar: Die Aktualität und Anspielungen auf die Kirche und jüngere Skandale dieser sind durchaus gewollt. Er fegt mal kurz alle aus dem Saal, ganz großes Kino!

“Wer hässlich ist und missgeboren wird nie das Licht des Himmels sehen”

Das Bühnenbild ist für Disney-Verhältnisse relativ minimalistisch gehalten. Die Glocken Notre Dames nehmen einen Großteil der Bühne ein, durch wenige Handgriffe und neue Lichtstimmungen verwandelt sie sich in den Wunderhof, die Kathedrale oder den Kirchturm. Das neu angelegte Sounddesign unterstützt hier sehr. Insbesondere im Finale Ultimo zeigt sich, wie gut all diese Elemente zusammen spielen. Einfache Darstellungen, große Gesten und starke Kompositionen kommen im großen Ensemble zusammen und führten bei mir zu einem ziemlich wässrigen Ende. Mann, war das traurig und gleichzeitig wunderschön.

Die VBW haben mal wieder bewiesen, wie gut sie Musical können. DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME passt perfekt ins Ronacher nach Wien, die Cast ist mehr als fantastisch und die Musik extrem fulminant. Ein Stück, das perfekt für Musical-Liebhaber, aber auch für Musical-Einsteiger geeignet ist und einen beeindruckenden Abend verspricht. Packt Taschentücher ein, fahrt nach Wien und genießt die Show, es lohnt sich sehr. 

© Die Bildrechte liegen bei den Vereinigten Bühnen Wien.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert