Neunundachtzig Prozent Auslastung, eine beachtliche Sammlung an Preisen aus den vergangenen Jahren und ein Spielplan, der sich musikalisch kaum in eine Richtung festlegen lässt: Das Opernhaus Dortmund hat sich längst einen Namen für großes Musiktheater und insbesondere Musical gemacht. Nun adaptieren sie unter der Regie von Gil Mehmert mit „Rebecca“ von Michael Kunze und Sylvester Levay erstmals ein Original der Vereinigten Bühnen Wien.
Im Mittelpunkt steht eine junge Gesellschafterin, die in Monte Carlo den verwitweten Maxim de Winter kennenlernt, sich verliebt und ihm auf sein Anwesen Manderley folgt. Doch dort ist Rebecca, Maxims erste Frau, allgegenwärtig, vor allem von Haushälterin Mrs. Danvers wird sie nahezu verehrt. Je länger die junge Mrs. de Winter versucht, ihren Platz in Manderley zu finden, desto deutlicher wird, dass hinter Rebeccas scheinbar makelloser Vergangenheit ein Geheimnis liegt, das auch ihre neue Ehe bedroht.
Sitzplatzempfehlung: Reihe 3, Platz 79
Für mich war es der erste Besuch im Opernhaus Dortmund, und schon der Raum macht klar, welche Möglichkeiten diese Produktion hier hat. Das Bühnenbild ist opulent, wandlungsfähig und dabei keine Kopie dessen, was man aus Wien kennt. Dortmund findet eigene Bilder für Manderley und schöpft dafür aus dem Vollen: ein schickes Hotel, eine düstere Bucht und natürlich der berühmte Balkon mit Blick aufs Meer. Wie viele Gewerke an einem solchen Abend beteiligt sind, merkt man bei der Premiere spätestens, als allen einzeln gedankt wird: von Schneiderei und Maske über den Hutmacher bis zu Technik und Marketing. Dortmund behandelt Musical nicht als hübschen Zusatz im Spielplan, sondern nimmt das Genre mit all seinen Anforderungen ernst.
Das gilt auch für das Ensemble. Jede Bewegung sitzt präzise, es läuft wie ein Uhrwerk. Eben noch flaniert die feine Gesellschaft durch Monte Carlo, kurz darauf stehen Dorfbewohner oder das Personal von Manderley auf der Bühne. Das Ensemble springt zwischen Rollen, Orten und sozialen Schichten. Gerade in den großen Szenen entsteht dadurch eine Bühne, auf der ständig etwas passiert. Das guckt und hört man sich gerne an.
Neue Facetten für Manderleys Figuren
Und auch in den Hauptrollen lässt Dortmund wenig anbrennen. Antonia Kalinowski und Mark Seibert harmonieren als ungleiches Paar, ohne ihre Figuren dabei zu schnell auf Augenhöhe zu bringen. Kalinowski, die die Rolle bereits in China spielte, singt sich scheinbar mühelos durch diese anspruchsvolle Musik und findet gleichzeitig genau die Unsicherheit, die ihr namenloses „Ich“ zu Beginn braucht. Umso stärker funktionierte für mich ihre Entwicklung vom schüchternen Anhängsel an Maxims Seite zu einer jungen Frau, die zunehmend ihren eigenen Platz in Manderley und der Geschichte beansprucht.
Mark Seibert hat Maxim de Winter bereits hundert Male in Wien gespielt. Umso bemerkenswerter ist, dass er der Figur in Dortmund trotzdem neue Facetten abgewinnt. Besonders deutlich wird das in „Kein Lächeln war je so kalt“: Maxim ist hier nicht nur von seiner Vergangenheit verfolgt, sondern regelrecht von ihr zerstört. Seibert erzählt die Verzweiflung hinter dieser Geschichte mit einer Intensität, die bewegt. Die Szene macht in Darstellung keine Kompromisse und gehört gerade deshalb zu den Momenten, in denen die Dortmunder Interpretation für mich besonders stark wird. Auch, weil sich die Dynamik zwischen den Figuren hier so schön subtil wandelt.
Weniger ist manchmal mehr
Bettina Mönch begegnet der Haushälterin Mrs Danvers stimmlich mit der nötigen Souveränität, bleibt für mich als Figur aber überraschend häufig hinter ihren Möglichkeiten zurück. Zum einen wirkt sie in der Rolle sehr jung, vor allem aber fehlt ihrer Danvers stellenweise jene herrische Präsenz, die Manderley allein durch eine Haltung oder einen Blick unter ihre Kontrolle bringen kann.
Die Regie belässt es nicht dabei, das bekannte Material in den Möglichkeiten dieses Hauses neu zu erzählen, sondern sucht immer wieder nach einer eigenen Handschrift. Maxim bekommt neue Facetten, einzelne Szenen werden emotional (und textlich) zugespitzt, die Bühnenbilder funktionieren für mich teilweise sogar besser als in der Wiener Inszenierung. An anderen Stellen scheint die neue Idee allerdings wichtiger zu werden als die Figur.
Das trifft ausgerechnet Mrs. Danvers besonders häufig. Wenn sie etwa in einem Solo mit Rebeccas Nachtkleid tanzen muss, entsteht zwar ein neues Bild für ihre Obsession – nur gewinnt die Figur dadurch wenig. Im Gegenteil: Wo eigentlich Präzision, Kontrolle und eine fast unheimliche Ruhe reichen würden, kommt Bewegung hinzu. Überhaupt laufen die Figuren während der Songs auffällig häufig über die große Bühne, ohne dass jeder Weg eine erkennbare Intention bekommt. Vielleicht sind es die räumlichen Möglichkeiten, die hier genutzt werden wollten. Ich finde: Weniger ist manchmal mehr. Gerad bei einer so erhabenen Komposition braucht es für mich kein großes Showballett oder choreografische Lösungen. Selbiges gilt für Jack Favell – schön böse, schön bissig: David Jakobs. Sein Solo mutierte plötzlich zur Eleven-’o’-Clock-Nummer. Na ja. Kann man so machen.
Scheiße, ist das geil!
Am Ende bleibt aber eine „Rebecca“, die vor allem eines beweist: Dortmund meint es ernst mit dem Musical. Dieses Haus stellt dem Stück alles zur Verfügung, was es hat – ein großes Ensemble, ein starkes Orchester, beeindruckende technische Möglichkeiten und eine Ausstattung, die sich vor kommerziellen Produktionen nicht verstecken muss. Um meinen Sitznachbarn zur Pause zu zitieren: Scheiße, ist das geil!
Wer „Rebecca“ aus Wien kennt, kennt eine Produktion, die über Jahre gewachsen ist. Dortmund muss darauf eigentlich gar keinen draufsetzen. Wo Gil Mehmert tatsächlich neue Perspektiven findet, können sie dem Stück spannende Facetten hinzufügen. Wo das Neue dagegen vor allem neu sein möchte, steht es sich manchmal selbst im Weg. Vielleicht braucht Manderley manchmal gar nicht mehr als das: starke Figuren, große Stimmen und genügend Vertrauen in eine Geschichte, die längst weiß, wie sie ihr Publikum in ihren Bann zieht. Und das schafft auch die Dortmunder Produktion oft genug. Ich hatte einen fantastischen Abend.