Hallo, ich heiße Bruno. Ich wohne hier und ich bin schwul.
“Ich kann’s kaum glauben, Sarah. Ich spiele heute Abend und du kommst gucken. Nach dem dritten Anlauf. Das ist doch mal was”, spricht Philipp mir wenige Stunden vor der Vorstellung lachend aufs Handy.
Es brauchte fast auf den Tag genau ein halbes Jahr und drei Versuche bis zu diesem Termin. Verabredet haben wir uns bereits im März nach der Generalprobe von „Wir sind am Leben“, der neuen Uraufführung im Theater des Westens. Ein Stück Zeitgeschichte über ein besetztes Haus und seine Bewohner:innen inmitten der Höhen und Tiefen des 90er-Jahre Berlins.
Ich wollte unbedingt ein Follow-up zu unserem letzten Interview machen und über seine neue Rolle als Bruno sprechen, die er neben seiner Aufgabe als Swing [Zweitbesetzung für mehrere Ensemble- und Rollen-Tracks] regelmäßig covert. Weil mich dieser lebensfrohe Charakter mit seinen Lebensweisheiten, seiner Bühnenfigur als Marlene Dietrich und seiner so folgenschweren Erkrankung nicht loslässt. Und vor allem, weil man mit Philipp großartig über Musical, aktuelle Entwicklungen und Rolleninterpretationen philosophieren kann. Was lange währt …
… wird ein Treffen im Schwarzen Café. „Weil’s da irgendwie so künstlerisch ist“, meint Philipp. Als die Aufnahme beginnt, sind wir längst mitten im Gespräch: zwischen London-Tipps, Obstsalat und allem, was seit unserem letzten Interview so privat passiert ist. Dann geht es um Bruno. Um die Metaebenen seiner Rolle. Um Politisches und Persönliches. Und um die Frage, wie man eigentlich in einem Stück landet, das man nie spielen wollte und sollte.
Unser letztes Interview ist zwei Jahre her. Was hat sich seitdem bei dir als Künstler verändert?
Ich hatte ein Jahr Pause vom Theater des Westens und das war sehr, sehr wichtig. Seit Oktober 2021 hab ich bei “Ku’Damm 56”, dann “Romeo & Julia”, die “Ku’Damm-Tour” und “Ku’Damm 59” gespielt. Das waren dreieinhalb Jahre, danach war ich ausgebrannt und müde. Deswegen war die größte Veränderung im letzten Jahr, einfach mal auf Pause zu drücken. Ich habe zwar gearbeitet und war in der Schweiz und mit “Mozart!” in China, gleichzeitig habe ich aber viel relaxt. Zum Beispiel war ich in den Bergen von Nepal wandern und habe richtig gemerkt, was die letzten Jahre für ein Rush waren. Uraufführungen sind immer arbeitsintensiv und aufregend. Ich habe mich dann auch bewusst entschieden, nicht zum Final [der letzten Runde eines Castings] der “Wir sind am Leben”-Auditions zu gehen.
Schön, dass du nach China fliegst für eine Pause.
(lacht) Ja, das hatte sich so für drei Monate ergeben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal nach China fliege, weil es als Urlauber nicht meine erste Wahl wäre. Das hat mich beruflich sehr gereizt. Aber von zwölf Monaten habe ich im letzten Jahr fünf Monate nicht gearbeitet. Es war wichtig, da immer wieder einen Gang rauszunehmen und meinem Körper, der Seele, die Ruhe zu gönnen. Ich weiß auch noch nicht, was nach der letzten Vorstellung im April ist. Acht Shows pro Woche sind unfassbar anstrengend. “Wir sind am Leben“ war gar nicht geplant, dann kam im Herbst ein Anruf und ich bin doch nochmal nachgerückt. Diese Entscheidung hätte ich die Monate davor nie treffen können. Ich war überarbeitet und auch privat war viel los.
Hast du bereut, diese Position angenommen zu haben? Als Swing mit zwei Covern geht man ja nicht unbedingt davon aus, dass man jeden Tag auf der Bühne arbeitet. Doch diese Produktion wurde für dich relativ schnell intensiv.
Es war mega intense und das hätte ich auch gar nicht gedacht. Es ist seit Woche zwei unfassbar viel und ging sofort los. Gleichzeitig bin ich dankbar dafür, weil Bruno eine der spannendsten Rollen ist, die ich bisher gespielt habe. Der Umfang und gerade die Reise von Bruno sind ein Geschenk. Gleichzeitig ist es auch absurd, weil ich mich ja eigentlich dagegen entschieden hatte. Es sollte so sein. Ich glaube auch, dass ich die Rolle vor drei, vier Jahren noch gar nicht so hätte empfinden und spielen können wie jetzt.
Inwiefern?
Bruno bringt eine emotionale Tiefe mit sich. Ich habe nie eine HIV-Diagnose erleben müssen, aber ich knüpfe an andere Erfahrungen an. Das tut der Rolle auch gut, wenn man sie mit etwas Lebenserfahrung spielt, weil er so im Reinen mit sich ist. Bruno weiß genau, wo er als Künstler und Mensch hinwill. Auf der Reise bin ich noch, aber mit 30 ist auch bei mir persönlich alles mehr into Place gefallen – privat und gesundheitlich. Darauf greife ich zurück.
Philipp Nowicki
wurde 1993 in Essen geboren. Erste Bühnenerfahrung sammelte er während seines Studiums an der Folkwang Universität der Künste in Essen sowie an der Royal Academy of Music in London. Er wirkte in vielen Inszenierungen mit, unter anderem in GHOST, TINA sowie in den Theater-des-Westens-Uraufführungen KU’DAMM 56, KU’DAMM 59 und ROMEO & JULIA. Zuletzt spielte er in China MOZART! und DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME in der Schweiz.
Aktuell steht er als Swing und Cover Günther sowie alternierender Bruno im Theater des Westens auf der Bühne.
“Ich möchte mit mir selbst im Reinen sein. Verbindungen haben. Beziehungen.”
Das Stück heißt “Wir sind am Leben”. Wann bist du so richtig am Leben?
Ich würde sagen, dass der Beruf schon eine große Komponente ist. Eine tolle Show zu spielen – die “Ku’Damm”-Konzerte zuletzt. Das war krass. Gleichzeitig aber auch meine letzten Reisen. Ich war im Himalaya wandern und so klein, weil die Natur so gewaltig ist. Da wurde mir auch bewusst, worum es wirklich geht: Mit sich selbst im Reinen zu sein, Verbindungen zu haben, Beziehungen.
Wandern ist ein Thema für dich.
Jaaaaa (lacht). Ich wusste das auch nicht, aber diese zwei Wochen waren so spannend, weil ich mal ohne Handyempfang unterwegs war und nur mit der Natur verbunden. Ich würde auch super gerne mal den Jakobsweg wandern. Ich spreche da auch mit Alex [Alexander Auler, sein Freund und ebenfalls Musicaldarsteller] drüber und wir überlegen, das zusammen zu machen. Die Natur gibt mir extrem viel, um dann auch wieder im Job performen zu können.
»Es kommen im Laufe der Probenzeit verschiedene Phasen: Frustration, Zweifel, Stress.«
Nimm mich gerne mal mit auf die Musical-Reise. Du spielst mit “Wir sind am Leben” deine vierte Uraufführung im Theater des Westens.
Ich wurde bei einem Nachcasting besetzt, und war dann von Anfang an bei den Proben dabei. Als Swing hab ich anfangs viel gesessen und zugeschaut, was einerseits gemütlich, andererseits aber auch frustrierend ist. Bei einer Uraufführung ändert sich täglich so viel, dass man immer mitschreibt und sich alles merken muss. Zum Beispiel hatten wir von “Blackbox” , dem heutigen Finale 1. Akt, sehr viele Versionen. Und auch in den Szenen kamen oft neue Texte dazu. Die kann man als Swing weniger mitgestalten, muss aber immer wach sein. Es kommen im Laufe der Probenzeit verschiedene Phasen: Frustration, Zweifel, Stress …
Wenn du nach acht Wochen aus den Proben rausgehst, wärst du dann wirklich bereit, direkt auf die Bühne zu gehen, obwohl du nie aktiv gespielt hast?
Ich glaube schon, ja. Es gab auch in jeder Produktion bisher immer Möglichkeiten, kurze Proben mitzunehmen. Bei “Wir sind am Leben” habe ich einen Durchlauf auf der Probebühne als M2 [2. Männerposition im Ensemble] gespielt. Damit hatte ich einen Track schon abgehakt. Je öfter das passiert, desto einfacher wird es. Wenn man das nicht hat, ist es schon krass. Es geht ja auch oft um Stagings und Traffic. Dann stehst du auf der Bühne und kennst die Nummer, weißt aber trotzdem nicht, wo du stehst. Man fühlt sich anfangs auch nicht so richtig als Teil der Gruppe, weil man oft am Tisch sitzt.
Wie entscheidest du bei sechs Tracks, auf welchen du dich heute konzentrierst?
Am Anfang der Proben gibt es Gespräche über “Priority-Tracks”. Bei “Wir sind am Leben” habe ich vier Ensemble-Tracks und zwei Cover. Der Dance-Captain legt dann fest, wer sich welche Positionen zuerst anguckt. Nach der Premiere gibt es dann die “Swing-Bibel”, wo alle Abläufe drinstehen. Das erleichtert die Arbeit ab der Premiere total.
Ich arbeite während der Stückentwicklung auch viel mit Farben, das brauche ich für meinen Kopf …
… ist Bruno gelb?
Wegen der Hose? Bei mir ist er orange. Aber Gelb wäre auch sehr passend.
“Besonders krass war es, direkt nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin eine queere Figur zu spielen.”
Du hast deinen Bruno dann aufgrund von kurzfristigen Ausfällen sehr regelmäßig zum Leben erweckt. Plötzlich standest du nicht zwei-, dreimal im Monat, sondern sechs bis achtmal pro Woche in der Rolle auf der Bühne. Was hat das mit deiner Routine gemacht?
Das war mega das Geschenk. Die Probenzeit als Cover ist sehr knapp bemessen. Ich habe zwölf Tage nach der Premiere meine erste Show gespielt, einen Tag vor Put-In [Generalprobe für Zweitbesetzungen]. Es war kein klassischer Einspringer, aber schon aufregend. Viele Erstbesetzungen waren noch auf der Bühne, ich bin also in ein sehr sicheres Netz gefallen. Inzwischen habe ich Bruno über siebzig Mal gespielt. Im Vergleich: Pater Lorenzo [Romeo & Julia] habe ich 30 Mal gespielt, Joachim [Ku’Damm 56] um die 50 Mal und meine Erstbesetzung Wolfgang von Boost [Ku’Damm 59] etwa 260 Mal.
Wie hat sich Bruno in der Zeit verändert?
Es war nicht leicht, meinen Bruno zu finden. Er ist eine queere Person und auch ein Dragkünstler. Ich wusste nicht, wie stark ich das zeigen will. Er steht dahinter und versteckt sich nicht und ich habe überlegt, wie ich das körperlich ausdrücke. Wie weich bin ich? Wie viel von mir steckt in dieser Rolle? Es gibt insofern eine Journey, dass ich mir das anfangs nur zurechtgelegt habe und es dann immer mehr in meinen Körper kam. Der Marlene-Dietrich-Mantel, mit dem Bruno im Untergrundclub auftritt, war anfangs auch ein bisschen kompliziert. Vor allem vertraue ich mir inzwischen aber mehr und bin auch selbstbewusster geworden.
Privat bin ich außerdem ein sehr wohlwollender und freundlicher Mensch. Bruno ist bei mir manchmal ein bisschen schnippischer. Ich finde es schön, dass er so direkt ist und manchmal bissige Witze macht. Für mich war Jörn (Jörn-Felix Alt, Erstbesetzung Bruno bis August 2026) auch eine riesengroße Inspiration. Die Darstellung von ihm hat mich extrem inspiriert. Ich war auch sehr froh, ihn als tolles Vorbild für meine Interpretation zu haben. Er ist nochmal etwas älter und erfahrener; er hat krasses Handwerk und viel gespielt. Ich bin froh, ihn mit meinem Bruno zitieren zu dürfen.
Was hast du zuletzt an der Rolle neu entdeckt?
Es gibt den Satz: “Liebe Madame Rosi, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die sind nicht ganz so Schwarz-Weiß”. Diesen Satz hab ich erst vor ein paar Tagen verstanden.
Den sagst du auch anders als alle anderen Brunos.
Da knack ich auch immer noch dran und suche, wie ich den setze. Ich habe den fünfzig Shows lang nicht richtig gesetzt und nicht richtig gedacht. Schlecht von mir, dass mir das nicht früher aufgefallen ist (lacht).
Ich kann mir auch vorstellen, dass die Rolle nicht so einfach zu spielen ist, wenn man einen emotionalen Tag hat, oder?
Ja. Besonders krass war das nach dem Anschlag auf den CSD. Ich habe den Auftritt und die Show danach gespielt und selber als Darsteller weinen müssen, weil es mich so mitgenommen hat. Das hat für die Reise gepasst, aber mir ist schon klar geworden, dass die Grenzen verschwommen sind. Dann sagst du Sätze wie: “Lass uns um die Häuser zieh’n” und denkst dir, dass wir genau das doch gemacht haben und es so schrecklich endete.
Wie ist es, jeden Abend auf der Bühne an Aids zu sterben?
Es nimmt mich nicht so mit, dass ich jeden Abend traurig nach Hause gehe. Wir als Schauspieler:innen machen das auch gerne, in große Emotionen reinzugehen, wo es um richtig viel geht. Das finde ich so toll und das ist sehr erfüllend. Ich sprudel als “Supernovadiscoslut” und finde mein Ende in “Marlene”. Diese Reise eines schwulen Mannes so intensiv auf der Musicalbühne erzählen zu dürfen, ist ein Geschenk.
“Ich habe mit meinem Freund Händchen gehalten und jemand rief: ’Nicht auf der Straße, die Kinder!’”
Hat Alex erzählt, dass wir gestern im Publikum saßen und ein Schüler hinter uns mehrfach sehr homophobe Kommentare in Richtung Bühne gemacht hat?
Ja. Krass, oder? So traurig, dass sie gelernt haben, dass es so etwas Schlimmes ist, wenn sich zwei Männer küssen. Deshalb finde ich es in unserem Stück auch so wichtig. Gleich in der ersten Szene küssen sich zwei Männer und zwei Frauen. Wir behaupten das einfach und knallen es den Leuten immer wieder vor die Füße. So viele queere Handlungen gibt es sonst nur bei “Rent”.
Ist es das, was das Publikum auch mitnehmen soll?
Ja, vor allem auch das Bewusstsein dafür. Für die Aids-Krise, für die Menschen, die in dieser Zeit gestorben sind. Es wurde in den 90ern so viel weggeguckt und tabuisiert. Ich finde es wichtig zu zeigen, dass das Leben sind; so viele Biografien, die wir heute nicht kennen.
Letztens war ich mit Alex unterwegs, wir haben Händchen gehalten und uns geküsst. Da hat jemand aus dem Auto gerufen: “Nicht auf der Straße, die Kinder!”. Wir waren fassungslos. Weil es gerade für die Kinder sichtbar sein sollte, um den normalen Umgang zu erleben. Und auch das zeigt unser Stück. Auch die Beziehung zwischen Nando und Bruno ist so normal, so nebenbei. Ich mag, dass es nicht mehr ausgestellt wird. Ich höre schon auch, dass es sehr “doll” ist, sehr “bunt”, ob das so sein müsse. Aber es ist eben ein Stück von Peter Plate und Ulf Leo Sommer [Rosenstolz] mit autofiktionalen Bezügen.
Du bist 1993 geboren. Wie hast du dich auf das Stück vorbereitet?
Wir haben viel gesprochen, aber auch gemeinsam viele Dokus geguckt, zum Beispiel über den “Forellenhof”, das Tuntenhaus in Berlin. Da kommen Menschen zu Wort, die diese Zeit erlebt haben. Man sieht auch, wie sie sich kleiden, wie sie reden. Das war auch eine Frage für mich, wie ich Bruno sprechen lassen möchte, was für eine Stimme ich ihm gebe. Ich habe dann gemerkt, dass ich darüber gar nicht nachdenken muss, weil ich einfach spreche, wie ich spreche.
Der Begriff „Drag“ ist ja auch modern, früher waren es Transen oder Travestiekünstler:innen. Die waren auch nochmal anders vom Look, das war auch noch mehr politisches Kabarett. Ich habe mir auch die Serie “It’s a Sin” angesehen und “Pose”. Gerade letztere hat mich sehr inspiriert, weil da auch teilweise die Charaktere an Aids sterben. Zum Beispiel für die Szene mit Rosi, wo Bruno denkt, sie wäre seine Mutter. Da gibt es parallele Szenen bei “Pose”, die mich so berührt haben. Deshalb gehe ich da in eine sehr emotionale, traurige Richtung.
“Sie haben mir gesagt, es gäbe im neuen Musical keine Rolle für mich.”
Du hast eine kleine Musical-Zeitreise gemacht. Von Wolfgang in “Ku’Damm 56 & 59” hin zu Bruno im 90er-Jahre Berlin. Beide sind queere Figuren, die das innerhalb der Stücke auf ganz unterschiedliche Weise ausleben. Wolfgang ist in ständiger Angst, Bruno sehr freizügig. Wir haben lange darüber gesprochen, dass die queere Geschichte in den “Ku’Damm”-Musicals immer noch in eine Ecke gedrängt wird …
Stimmt, ja. Und jetzt sind wir hier. In “Wir sind am Leben” sprudelt das ja aus jeder Faser des Stücks (lacht). Bei “Ku’Damm 59” fand ich es schade, dass es nicht so viel Raum für die queere Story gab. Und jetzt liebe ich, dass Peter und Ulf sich getraut haben, das so zu machen und sich nicht gedacht haben: Was, wenn das Abo-Publikum findet, dass das zu bunt ist? Ich mag, dass wir sie damit konfrontieren.
Voll die Meta-Ebene jetzt. Aber wenn Wolfgang auf Bruno treffen würde, wären das schon zwei Welten …
Ja, total. Aber was die beiden eint, ist die krasse Leidenschaft. Sie brennen und lieben in jeder Phase. Wolfgang wollte die Liebe zu Hans so sehr und das kam bei ihm dann raus mit diesem krassen Lied, dem emotionalen Kuss. Er musste aber mit seiner Frau zusammenbleiben, weil die Gesellschaft es so erwartet hat.
Bruno empfindet auch viel und sehr stark. Und er darf viel mehr ausleben und dafür kämpfen. Auch mit seinem Partner Nando. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden bekommt zwar nicht viel Raum und wird eher behauptet, aber trotzdem finde ich, dass die beiden Figuren eine ganz tolle Verbindung haben. Da gibt es dann auch ganz andere Themen, wie etwa die offene Beziehung.
Die letzten Jahre hast du dich im Theater des Westens immer wieder in ganz unterschiedlichen Rollen bewiesen, bist spontan eingesprungen, hast Shows gerettet. Spürst du da trotzdem manchmal noch einen Druck?
Wenn Peter und Ulf drin sitzen, ist es schon ein Druck, man will sie ja auch nicht enttäuschen. Natürlich bin ich froh über das Vertrauen. Kürzlich haben sie mich dann als Bruno gesehen und das Feedback war toll. Sowas erleichtert mich dann schon. Weil, Fun-Fact: Die beiden haben mir zur Derniere von “Ku’Damm 59” gesagt, dass sie mich eigentlich nicht so richtig im neuen Stück sehen, dass es keine Rolle für mich gibt. Here we are, siebzig Shows später (lacht).
“Man kann sich der politischen Verantwortung nicht entziehen.”
Wir haben zuletzt auch viel über London geschrieben. Du hast dort studiert, wir haben immer wieder über Unterschiede zur deutschsprachigen Bühne gesprochen. Hast du manchmal eine Sehnsucht, doch nochmal zum West-End zu gehen?
Sehnsucht auf jeden Fall. Ich finde es so toll, wie viele neue Stücke da in einer Regelmäßigkeit kommen. Und ich finde toll, dass wir das mit dem Theater des Westens die letzten fünf Jahre auch hier in Berlin hatten. Das hat die deutsche Musical-Landschaft sehr geprägt. Davon ein Teil zu sein, ist der Wahnsinn.
Ich glaube aber auch, dass wir es hier in Deutschland vom Sozialsystem und den Umständen sehr gut haben. Wenn es aber mal ein passendes Stück gäbe, würde ich es mir überlegen. Ich freue mich immer sehr für meine Kolleg:innen, die den Sprung schaffen – Chasity Crisp bei “Beetlejuice”, AK, die “Moulin Rouge” am Broadway geclosed hat, Mae-Ann Jorolan in “Hercules”. Wenn man diese riesigen Shows macht, ist das schon auch oft ein Ticket für London, zu dem ich auch nicht Nein sagen würde. Ich bin da aber auch realistisch.
Vielleicht machen Peter und Ulf ja eine West-End-Tour mit “Ku’Damm”. Wir haben während des Runs schon immer darüber gescherzt …
Wir haben auch viel darüber gesprochen, dass du dir vorstellen kannst, selbst Stücke zu entwickeln oder zu schreiben. Ist das konkreter geworden?
Konkreter nicht, aber die Lust ist total da. Gerade bei einer Uraufführung ist die eigene Kreativität total am Start.
Peak Inspiration.
Boar, wirklich. Ich saß auch oft da und habe mir gedacht, wie ich wohl “Wir sind am Leben” inszeniert hätte oder was meine Ideen wären
Ohne Franziska Kuropka und diesem großartigen Team ihre Arbeit abzusprechen. Deshalb rein hypothetisch, aber was hättest du anders gemacht?
Die Regie hat wirklich tolle Arbeit geleistet, aber zum Beispiel “Supernovadicoslut”, wo Bruno am Anfang auf dem Hausdach steht und die Menschen ihn vor dem Club bejubeln, bevor die Szene in den Club wechselt. Ich hätte es spannend gefunden, wenn der Anfang ein intimer, fast zerbrechlicher Garderoben-Moment von Bruno alleine auf der Bühne im Marlene-Mantel gewesen wäre. Bruno vor seinem Spiegel, macht den Lippenstift drauf und steigt in die Rolle ein. Er sagt “Das Leben ist zu kurz für falsche Tränen”, das könnte, finde ich, auch ein Moment für ihn sein. Bevor er dann im zweiten Teil des Liedes angekündigt wird und als Marlene Dietrich rauskommt.
Zurück zu deinem Stück. Gäbe es da was?
Ich finde die Musik von [nennt einen deutschsprachigen Singer-Songwriter, den wir hier nicht weiter benennen möchten, sorryyyy! 🙂 ] total toll. Die Songs sind so schön und ich würde gerne mit dieser Musik ein Musical machen. Alex und ich brainstormen da auch, wie die Geschichte gehen könnte.
Das knüpft auch irgendwie an “Rosenstolz” an, beziehungsweise an die Idee, aus deutschsprachiger Musik ein Musical zu machen und darüber Geschichten zu erzählen.
Ja, das trifft auch den Geist unserer Generation mit toller Singer-Songwriter-Musik. Auch, wenn der Plan noch nicht so richtig konkret ist, hätte ich große Lust auf einen eigenen Stoff …
… du hast es jetzt gesagt. Hilft nix, müsst ihr jetzt machen.
Gib uns noch so … vielleicht fünf Jahre. (lacht)
Abschließend: Du darfst der Musical-Bubble eine Botschaft mitgeben, wie geht die?
Sehr aktuell. Die AfD will die Kultur limitieren und nur noch patriotische Stücke spielen. Also würde ich sagen: Seid weiterhin kritisch. Macht Theater, das kritisiert, zum Nachdenken anregt, den Spiegel vorhält. Kunst ist Protest, um Themen zu verarbeiten. Man kann sich der politischen Verantwortung nicht mehr entziehen. Auch im Musical.
Wir waren als Cast vor einigen Wochen bei “der_schalatan”, einem Influencer, der für das Parteiverbot der AfD vor dem Brandenburger Tor demonstriert. So etwas wollen wir unterstützen und uns regelmäßig engagieren. Nach dem CSD haben wir eine Schweigeminute gehalten. Und auch Peter und Ulf fordern viel und sind sehr politisch. Ich finde gut, dass wir das so mittragen.
Macht dir das als Darsteller auch Angst? Du bist selbst in der queeren Szene unterwegs und es würde ja auch etwas mit dir als Künstler machen.
Auf jeden Fall. Ich glaube, dass es für eine Mehrheit im gesamten Land nicht reicht. Das hoffe ich, gerade hier in Berlin. Aber es gibt auch viele Theater in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Alex hat “Scholl” in Magdeburg gespielt, “Cabaret” in Chemnitz. Wer weiß, ob es diese Stücke im nächsten Jahr noch auf die Spielpläne schaffen. Das macht mir schon Sorgen.
Was gibt dir Hoffnung?
Dass man im Theater spürt, wie viele wir sind und wie stark die Community ist. Sei es bei unserem Plakat im Stück “Raucher gegen Rechts”. Am Ende steht eine Rolle mit einem “FCK NZS” T-Shirt da. Wir haben nach dem CSD die Regenbogenflaggen in unser Finale eingebaut. Diese Zustimmung und die Euphorie lassen mich glauben, dass das Theater das immer noch schaffen kann.
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