Gefühle, Geschirrspüler & große Liebe
“Auf zum Drama!”, schreibt mir Daniel Eckert während der Pause von “Moulin Rouge! – das Musical”. Ich muss lachen, immerhin habe ich noch gut im Ohr, wie er mir vor nicht ganz drei Stunden erzählt hat, wie gerne er dieses in der Show spielt. “Ab jetzt geht es für dich nur noch bergab”, antworte ich und lasse mich dann wieder ganz auf die Kulisse des Musical Domes in Köln ein. Die schweren Samtvorhänge, die goldenen Käfige, der blaue Elefant im Saal. Kaum vorstellbar, dass all dies in nicht mal einem Jahr in Köln abgespielt sein soll.
Doch Daniel und ich haben natürlich noch mehr als nur das Drama besprochen. Es ging um seine Rolle als Christian in “Moulin Rouge!”, um Herausforderungen und Entscheidungen für die mentale Gesundheit. Aber auch um große Gefühle, Geschirrspüler und natürlich: die Liebe.
»Ich freue mich aufs Drama immer ein bisschen mehr!«
Ich habe auf der Hinfahrt “Nachricht von Sam” gehört, einen Podcast, in dem du zu Gast warst. Du hast dort erzählt, dass klassischer Longrun [acht Shows pro Woche über mehrere Monate/ Jahre] nicht so in dein Leben passt.
Wie kommt es, dass du jetzt hier bei Moulin Rouge! arbeitest?
Ich habe für mich irgendwann beschlossen, dass der klassische Long-Run nicht mehr so in mein Leben passt. Meine Lebensgestaltung sah einfach anders aus. Jetzt hat es sich aber ganz gut getroffen, dass mein Mann und ich schon jahrelang nach Venlo ziehen wollten, da kommt er her. Dann kam diese Ausschreibung als Walk-In Christian [springt ein, wenn die Erstbesetzung nicht spielt]. Ich wollte es meinem Mann erst gar nicht vorschlagen, aber er meinte dann: Probier es halt. Jetzt ist es eigentlich lustig: Durch diesen Long-Run sind wir jetzt genau da hingekommen, wo wir immer sein wollten. Gerade lässt es sich super vereinbaren, aber an der Grundhaltung hat sich nicht viel geändert.
Wie ist das Gefühl, wenn man hört, dass man Walk-In Christian ist? Die Freude war groß, laut Instagram …
Ja, die war sehr groß! Ich habe es vor drei Jahren gesehen und damals auch die erste Audition gemacht, da hat es nicht funktioniert. Aber ich saß in der Show und wusste, ich muss es nochmal probieren, die Chance kann ich mir nicht entgehen lassen. Die Show hat einfach alles. Als das Hirngespinst Realität wurde, war es einer der schönsten Karriere-Momente, die ich erleben durfte.
Daniel Eckert
Daniel Eckert schloss sein Studium im Fach „Musikalisches Unterhaltungstheater“ an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien im Jahr 2017 mit Auszeichnung ab. Anschließend spielte er unter anderem in MOZART!, JESUS CHRIST SUPERSTAR, TANZ DER VAMPIRE & ALADDIN.
Aktuell steht er als Walk-In-Christian in Moulin Rouge! auf der Bühne im Musicaldome Köln.
»Es passiert schnell, dass die tägliche Show alles ist, worum sich der Alltag dreht.«
Du hast in “Mozart” gespielt, “Tanz der Vampire”, “Moulin Rouge!”, viele weitere Produktionen. Welche Rolle hat dich am meisten geprägt?
Christian würde ich da auf jeden Fall reinzählen, weil ich hier alles zusammenbringen kann, was ich in den vergangenen Jahren gemacht habe – die Comedy, die romantische Ader, das große Drama, was ich persönlich ja sehr liebe (lacht). Und auch gesanglich ist es eine Herausforderung.
Aber auch an die Zeit bei den Vampiren als Swing, Alfred und Nightmare Solo denke ich total gerne zurück. Das war sehr abwechslungsreich und ich habe da meinen Mann kennengelernt, mit dem ich bis heute zusammen bin. mit dem Stück verbinde ich viele Freundschaften und private Momente.
Wenn du sagst, du magst Drama mehr als Komödie, liegt es dir dann auch mehr?
Ich glaube, mir liegt beides, aber ich freue mich aufs Drama ein bisschen mehr. Ich freue mich, wenn ich den Mantel trage und nach “Come What May” der letzte romantische Moment vorbei ist. Für mich als Darsteller wird es da umso spannender. Ich habe da schon drei Viertel der Show hinter mir, aber im Grunde geht es für mich dann erst richtig los.
Wie bist du an Christian herangegangen? Hattest du als Walk-In Vorbilder?
Ich habe das erste Mal Riccardo [Riccardo Grecco, erster Christian in Moulin Rouge!] gesehen, dann Jonas [Jonas Hein, aktuelle Erstbesetzung], beide fand ich grandios. Das kann ich auch ohne Hemmungen sagen. Ich versuche dennoch, mich davon zu lösen und meinen eigenen Weg zu finden. Auch Aaron [Aaron Tveit] vom Broadway habe ich mir gar nicht viel angeguckt. Ich versuche, unbefangen zu sein und den Vergleich nicht zu starten. Ich gehe da rein mit der Ansicht, dass mein Christian ganz anders wird, mal sehen, wo es dann hingeht. Und trotzdem gucke ich natürlich meine Kollegen an und denke mir oft: Das ist toll, und das könnte ich mal probieren. Man lässt sich doch inspirieren.
Mach das gerne mal konkreter. Warum ist dein Christian besonders?
Das ist eine sehr gute Frage (lacht). Ich glaube, ich bediene beide Richtungen sehr extrem. Im ersten Akt ist dieser super verliebte Christian, für den Liebe wirklich alles ist. Das ist eine liebenswürdige Blauäugigkeit und Naivität. Im zweiten Akt dreht es sich um hundertachtzig Grad. Ich stelle beide Extreme dar. Ich finde spannend, dass man das Publikum im ersten Akt so auf die falsche Fährte lockt – große Party, alles bunt. Und plötzlich merkt man, dass es ganz anders endet als erwartet.
Ihr spielt eine sehr laute, glamouröse, nach Außen perfekte Show. Gab es trotzdem auch Momente, die dich überfordert haben?
Ja, durchaus. Als Walk-In Cover bin ich es gewöhnt, so drei bis fünfmal im Monat zu spielen. Vor ziemlich genau einem Jahr war ich aus dem Nichts heraus in der Situation, dass ich fünfzehn Shows am Stück spielen musste. Normalerweise versuchen wir als Christian, Doppel-Shows zu vermeiden. Das hat diese aber inkludiert.
Das sind zwei Wochen.
Ja, genau. Das sind im Grunde zwei volle Wochen und das sind wirklich Phasen, wo man all seine Energie zusammenhalten muss. Da passiert es schnell, dass die tägliche Show alles ist, worum sich der Alltag dreht. Man geht da raus wie mit einem Kater. Man wacht auf und denkt sich: was haben wir da gemacht? Zumal ich dieses tägliche Spielen nicht gewöhnt war. Gleichzeitig konnte ich danach sagen, dass ich meinen Christian jetzt wirklich gefunden habe. Die andere Herausforderung ist, dass ich manchmal auch drei Wochen gar keine Show spiele und mich dann hinstelle und so tue, als würde ich das öfter machen.
»Ich bin besser auf der Bühne, wenn ich es nicht jeden Tag mache«
Die fünfzehn-Show-Situation ist genau das, was du mental nicht mehr wolltest, oder?
Ja. Ich merke an mir selbst, dass ich kreativer bleibe, wenn ich es anders habe. Ich langweile mich sehr schnell – das habe ich hier um Gottes Willen noch nicht gehabt. Aber ich bin besser auf der Bühne, wenn ich es nicht jeden Tag mache. Das ist auch eine wichtige Erkenntnis, zu merken, dass ich schnell in eine Routine komme, die ich selbst nicht mehr spannend finde. Und das überträgt sich auch aufs Publikum. Deshalb habe ich vor Moulin Rouge! zwei Jahre lang nur noch Stadttheater gemacht, wo es Gang und Gäbe ist, dass man pro Produktion fünfzehn bis zwanzig Shows spielt, auch gerne mal durcheinander. Das ist die Abwechslung, die so nie verschwindet. Für mich ist das sehr wichtig, sonst schleicht sich Routin ein.
Du hast im Podcast auch von Grenzen gesprochen. Ich habe mich gefragt, was die Grenzen sind, die du auf einer Bühne hast?
Ich kann mir vorstellen, dass es sich auf zwei Dinge bezog. Auf der Bühne ist es mir wichtig, mich daran zu erinnern, dass ich das gerade spiele. Im Schauspiel gibt es zwei Schulen. Die einen sagen, man muss komplett der Charakter sein. Das halte ich für schwierig, weil es in meinen Augen nicht geht und ich auch schauen muss, das mental gut durchzustehen. Wenn ich mich achtmal pro Woche in einen Christian richtig, richtig reinstürze, dann geht das nicht lange gut. Und das andere sind die Grenzen, die man generell im Job abstecken muss – bin ich jemand, der das Leben auf Pause setzt und überall hinzieht? Oder funktioniert das für mich nicht? Wenn man das nicht immer wieder bewusst hinterfragt, verselbstständigt sich das.
Was ist für dich heute Abend das Komplexeste an der Show? Wo ist der Fallstrick?
Der Fallstrick ist ab “Chandelier”, als Christian realisiert, dass irgendwas nicht so läuft, wie er es sich ausgemalt hat. Dann kommen Nummer wie “Roxanne” und “Crazy Rolling”, wo man stimmlich sehr viel geben muss. Und man vergisst ganz schnell, dass am Ende auch noch “Come what may 2” kommt, das Finale, wo es leicht klingen muss. Wenn ich mich zu sehr verausgabe, ist emotional ganz schnell Schluss. Aber auch stimmlich, dass ich merke: wow, das wird jetzt schwer. Es geht also auch in der Show darum, immer wieder zu gucken, ob ich irgendwo anpassen muss, irgendwo zurückzunehmen. Bei Christian merkt man jedes Prozent an stimmlicher Leistung, was man an dem Tag vielleicht nicht hat. Ich gebe gerne hundert Prozent, aber ich muss das immer wieder neu evaluieren.
Wie gehst du heute in die Show?
Sehr vorfreudig, das ist mittwochs oft so. Ich hatte zwei Tage frei, die Stimme konnte sich erholen. Ich habe bereits Samstag und Sonntag gespielt, fühle mich aber erholt und freue mich, durchzustarten. Ich hab richtig Bock.
»Am Ende gewinnt Liebe!«
Ihr singt die ganze Zeit über die Liebe. Was hast du privat von Christian mitnehmen können?
Tatsächlich diese gesunde Naivität. Die grundfeste Überzeugung, dass die Liebe am Ende gewinnt. Gerade wenn man ein paar Jährchen zusammen ist, schleichen sich die ganzen Dinge ein, über die man sich ärgert – diese unfassbar schlimmen Dinge, wie nicht ausgeräumte Geschirrspüler. Geht gar nicht! (lacht) Durch Christian habe ich einen ganz anderen Blick bekommen, insofern, dass ich auch nach mittlerweile fast acht Jahren mit meinem Mann öfter mal hingucke und mir denke: Oh, wow, immer noch. Und eigentlich auch immer noch wie am ersten Tag, wenn man alles vergisst, was einem so groß und wichtig erscheint.
Moulin Rouge! verlässt den Musical Dome, wie geht es bei dir weiter? Hast du Pläne?
Umziehen werde ich nicht, aber ich lasse gerade die Zeit ab Ende Juli auf mich zukommen. Was man als Darsteller nie los wird, ist diese Sorge: Und dann? Das geht meist so ein Jahr vor Ende einer Produktion los. Über die letzten Jahre habe ich aber gemerkt, dass es sowieso weitergeht. Das klingt wahnsining blauäugig, ist aber so. und auch einen kurzen Leerlauf halte ich aus. Es kann danach in jede Richtung gehen, wer weiß, was die nächsten Jahre in Köln oder Düsseldorf passiert. Oder ich gehe ans Stadttheater, da habe ich ein Netzwerk aufgebaut, das ich gerne pflegen möchte. Ich sehe viele Möglichkeiten und möchte mich gar nicht festlegen.
Was wären Stoffe, auf die du Lust hättest, ganz unabhängig von dem, was realistisch ist?
Ich finde, dass gerade am West End und Broadway ganz viel passiert. Wenn man an ein “Notebook” denkt, oder mein absolutes Lieblingsstück “Waitress”. Jetzt gibt es “Paddington” mit diesem kleinen Bären. Der ist bei mir ein ganz wunder Punkt. Ich sehe ihn nur in Instagram-Storys und mir laufen fast die Tränen.
Same here (lacht).
Ich würde mir wünschen, dass man mehr guckt, was auch am West End und Broadway gerade passiert und alles dran setzt, die Shows hier zu zeigen. Gleichzeitig liebe ich auch die Stadttheater und was man da sieht. Oft sind das verborgene Schätze, mein Mann macht gerade etwa “Light in the Piazza” [Das Licht in der Piazza]. Ich würde mir auch Offenheit wünschen, Klassiker rauszukramen, die schon länger nicht mehr liefen.
Du darfst eine Botschaft an die Musicalwelt senden. Was würdest du sagen?
Wir dürfen uns alle daran erinnern, was für ein unfassbares Privileg wir haben, das machen zu dürfen, was wir machen, gerade in einer Welt, in der vieles unsicherer wird. Ich glaube, wir als Publikum und Theaterschaffende vergessen das manchmal. Ich finde, wir dürfen da öfter mal den Ball flach halten. Gleichzeitig finde ich es wichtig, die Bubble etwas zu verlassen und zu gucken, was es noch gibt außerhalb der Bubble. Das sorgt für die Bodenhaftung.
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