Miss Saigon [Vereinigte Bühnen Wien]

Aufführungsdauer: 2.40 Stunden inkl. Pause
Platzempfehlung: Parkett, Reihe 12 Platz 10 und 11

Raimundtheater, Wien

Episches Drama und durchkomponierte Musicalsymphonik – unverkennbar die Handschrift des Komponisten Claude-Michel Schönberg und Texters Alain Boublil. In Inszenierung von Star-Produzent Cameron Mackintosh, neu übersetzt von Michael Kunze, spielen die Vereinigten Bühnen Wien nun für einen kurzen Zeitraum das Erfolgsmusical “Miss Saigon”.

Saigon, du fieberst im Licht. Die Girls sind höllisch und heiß. Saigon, du fieberst im Licht. Ist draußen Krieg oder nicht?

„Saigon du fieberst im Licht“, Miss Saigon

Die amerikanischen GIs John und Chris sind während des Vietnamkrieges in Saigon stationiert und gönnen sich einen freien Abend in einem der unzähligen Nachtklubs. Dort trifft Chris auf die junge Vietnamesin Kim, die erst seit Kurzem im Klub arbeitet, und verliebt sich sofort in sie. Nach einer einzigen gemeinsamen Nacht heiraten die beiden, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Doch dazu kommt es nicht; die Vietcong marschieren ein und Chris flüchtet mit dem letzten Hubschrauber in die Staaten. Kim bleibt zurück und gebärt neun Monate später einen Sohn.

Drei Jahre danach taucht Kims Cousin Thuy auf, dem sie mit 13 versprochen wurde. Sie soll ihren Sohn verlassen und ihn heiraten. In ihrer Verzweiflung erschießt Kim ihn und flüchtet mit ihrem Kind und Tausenden anderen „Boat People“ nach Bangkok. In den USA hat Chris unterdessen die Amerikanerin Ellen geheiratet, kann die junge Vietnamesin jedoch nicht vergessen. Von seinem Freund John erfährt er eines Tages, dass sie noch lebt und seinen Sohn großzieht. Ellen und er reisen nach Bangkok, um sie ausfindig zu machen und finanziell zu unterstützen. Kim, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ihren Sohn in Sicherheit und Freiheit zu wissen, sieht indes keinen anderen Ausweg als Selbstmord zu begehen. So kann er bei ihrem Soldaten leben. Sie stirbt in Chris’ Armen.

Die Wiener Inszenierung wurde von vielen hochgelobt und als beste überhaupt angepriesen – zurecht. Die vereinigten Bühnen zeigen wieder einmal, dass sie richtig großes und klassisches Musical können. „Miss Saigon“ ist sehr visuell, mit spektakulären Bühnenbildern und atemberaubenden Effekten. Spätestens das Aushängeschild des Stücks, der fliegende Helikopter auf der Bühne, zeigt, dass hier nicht gespart und vor allem richtig gut gearbeitet wurde. Sound, und Licht greifen perfekt ineinander und ergeben in Kombination mit dem 26-köpfigen Orchester eine mehr als beeindruckende Show, die seinesgleichen sucht.

Krieg hört nicht auf beim letzten Schuss. Manch‘ Bild bleibt grell im inn’ren Blick. Gesichter angstgeschund’ner Kinder,
Wir ließen sie zurück.

„bui doi“ Miss Saigon

Kaum verwunderlich, dass auch das Ensemble auf der Bühne dieser standhalten muss. Mit über dreißig Darsteller:innen sind große Choreografien und vierstimmige Chorsätze vorprogrammiert. Die Anschlüsse sitzen, das Timing passt immer, die Präsenz des Ensembles ist vor allem in den Show-Nummern beeindruckend. Insbesondere die Leistung der Frauen und Männer in den Nachtklub-Szenen ist nicht zu verachten, sind diese doch mehr als freizügig und werden übergriffig gespielt. Im Bruch dazu dann die große 11 ’o clock Nummer “The American Dream” kurz vor dem Showdown, die fast schon an Revue erinnert und im starken Kontrast zum Rest des Musicals steht.

Die Hauptrollen Kim und Chris übernehmen an diesem Abend Newcomerin Vanessa Heinz und  VBW-Sternchen Oedo Kuipers. Heinz steht nach dem Studium erstmals in einer Long-Run-Produktion auf der Bühne und überzeugt stimmlich vor allem im ersten Akt mit starken Balladen und Up-Tempo. Ihre Soli sind emotional und auf den Punkt gesungen, ihr Schauspiel vor allem bei ihrem Tod am Ende perfekt. Oedo Kuipers hält in den richtigen Momenten dagegen und gibt der eher flach geschriebenen, doch sehr musikalischen Rolle des Chris mit seiner unglaublich kraftvollen Stimme und präsentem, aktivem Spiel mehr Farbe als gedacht. Oder anders formuliert: Er ist ein singender Gott auf zwei Beinen. Das sieht wohl auch Kim so, gerade in den ersten Szenen wurde auf der Bühne extrem viel geflirtet, geküsst und geliebt. Zum Glück kauft man das beiden auf Anhieb ab. Immerhin liegt hier die erzählerische Schwäche des Stücks, die beide aber gekonnt überspielen und mit umso mehr Liebe füllen.

Christian Rey Marbella, der die Rolle des Nachtklubbesitzers (“Engineer” im englischsprachigen Raum) übernimmt, spielte diese bereits am West-End. Darstellerisch möchte ich mich gar nicht beschweren – sehr schmierig, sehr heuchlerisch, sehr verlogen – doch phonetisch war er mit am schwersten zu verstehen. Schade für die erzählende Hauptrolle. Vor allem aber schade für den Witz, der an den richtigen Stellen auflockern könnte, aber nur mäßig zündete.

Du, den ich wiegte manche Nacht. Du, schaust mich nur leise fragend an. Kleiner Knirps, bald ein kleiner Mann.
Ich gäb mein Leben her für dich.

„ich geb mein Leben her für dich“ Miss Saigon

Dafür umso besser die drei tragenden Nebenrollen. Cousin Thuy, gespielt von James Park in bestimmendem Bariton mit großer Stimme und dem nötigen Biss für die Rolle. Alexandra-Yoana Alexandrova als zurückhaltende, aber starke Frau Ellen an Chris’ Seite – ich hätte gerne mehr Gesang von ihr gehört. Und natürlich Gino Emnes als Chris’ Freund John. Sein Opening “Bui Doi” am Anfang des zweiten Akts rührte viele und auch ihn selbst zu Tränen. Vielleicht der bewegendste Moment an diesem Abend.

Beim Schlussapplaus dann merkte man erst, wie sehr dieses Stück auch die Menschen auf der Bühne bewegt. Kaum einer war schon wirklich da und das Publikum war eher verhalten. Vielleicht wurde vielen  hier erst bewusst, dass es auf wahren Begebenheiten beruht und aktueller denn je ist. Was Schönberg und Boublil erschaffen und erzählt haben, sucht in der Welt des klassischen Musicals seinesgleichen. Selbst “Les Misérables” kann mit der Dramatik und Epik von “Miss Saigon” schwer mithalten, sind das Ende und auch die Erzählweise noch mal realistischer und näher an den Figuren. Es zeigt, wie weit die Liebe einer Mutter und die Stärke einer Frau gehen kann und erzählt gleichzeitig eine Geschichte von zerbrochenen Träumen, dem Wunsch von Freiheit und einer zu oft vergessenen Generation junger Menschen. Epischer kann Theater kaum sein.

BESETZUNG VOM 26.01.2022

Christian Rey Marbella – Engineer

Vanessa Heinz – Kim

Oedo Kuipers – Chris

Alexandra-Yoana Alexandrova – Ellen

Gino Emnes – John

James Park – Thuy

Annemarie Lauretta – Gigi

Ensemble:

Erick Arenas, Nils Axelsson, Christopher Bolam, Vincent Bueno, Barbara Castka, Cletus Chan, Rachel Chan, Chris Connor, Jev Davis, Leon De Graaf, Elies De Vries, Judicel Eslao, Aynrand Ferrer, Roy Goldman, Mariana Hidemi, Fin Holzwart, Jiho Hwang, Patrick Jeremy, Peter Knauder, Shane Landers, Helge Mark Lodder, Winchester Lopez, Telmen Luwsandash, Loek Meijer, Riko Nakazono, Mai Linh Nguyenova, Thijs Snoek, Dennis Spee, Dana Van Der Geer, Stef Van Gelder, Aday Velasco, Sian Yeo, Yuri Yoshimura

ÜBRIGENS: Eine Aufzeichnung der Londoner-Jubiläumsshow findet ihr hier.

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