Trauma, Abschiedsbriefe & Drachenreiter im Leder-Harness
Silvio Römer aus dem Nichts in meinen Chats:
Frau Sarah, wir brauchen noch ein Interview.
Ich: Du willst doch nur mal wieder Kaffee mit mir trinken.
Nee, eigentlich gern ein Interview.
Wieder ich: Gibt es denn was Spannendes zu erzählen?
Ich denke schon. Deine Entscheidung.
Um ehrlich zu sein: Ich wusste nicht, was das soll. Nicht, weil ich Silvio nicht mag oder diese direkte Art von ihm kenne. Aber wir haben drei Interviews geführt und uns darin durch die Musicalwelt und sein Leben gedreht. Wir hätten auch einfach so einen Kaffee trinken können. Am Ende siegte die Neugier, wir haben uns kurzfristig verabredet.
In Silvios Welt galt die Verabredung aber nicht für den gleichen Tag, wie ich lachend feststelle, als ich am Potsdamer Platz stehe und er bei einem anderen Termin an der Eberswalder Straße ist.
“Kannst du herkommen und wir fahren zum Theater, ich hab’ da dann Probe”, fragt er.
Eine U-Bahn-Fahrt später treffen wir uns direkt am Gleis, steigen in die Bahn zurück.
“Du fragst dich sicher, wieso ich dir geschrieben habe”, kommt Silvio noch vor dem nächsten Halt zum Punkt.
“Ich hatte das Gefühl, ich muss über ein paar Themen reden. Ich bin gerade in einem ganz krassen Prozess für mich.”
Zwischen Rosa-Luxemburg- und Potsdamer-Platz gibt er mir ein Intro in seine Gedanken. Zwanzig Minuten, die sich plötzlich ehrlicher anfühlen als all unsere Gespräche davor. Das Diktiergerät schalte ich an, als wir im nächstbesten Café sitzen. Wir sprechen ganz offen: Über eine gescheiterte Beziehung und das, was dieses Ende mit dem ewig lustigen, immer gut gelaunten und selbsternannten Showmaker gemacht hat. Über Rollen und Trauma. Dunkle Momente. Und einen Abschied.
Es ist ein Running Gag, dass du seit unserem zweiten Interview deine Interview-Einladungen selbst aussprichst. Wieso hattest du das Gefühl, es braucht dieses vierte Gespräch on Air. Wir hätten ja auch einfach so Kaffee trinken können.
Es war wie ein Gefühl. Wir haben immer sehr ehrliche Gespräche gehabt. Auch, wenn ich heute anders darauf blicke. Im letzten Monat ist in meinem Leben viel passiert. Außerdem gehe ich jetzt zum vierten Mal als Zeki Müller auf Tour in “Fack ju Göhte”. Ich dachte, du wärst die richtige, um diese ganzen Emotionen aufzuschreiben. Das war ein Wunsch von mir.
Die Rechte für die Exklusiv-Biografie liegen hiermit bei mir.
Selbstverständlich.
Scheiße, jetzt hast du das drauf.
Wir verhandeln dann nochmal den Preis!
Darf ich dich spiegeln?
Ja, darfst du immer.
Du hast es vorhin in der Bahn anders formuliert. Es ging dir nicht um die Rolle des Knastis und Spontan-Lehrers Zeki oder “Fack ju Göhte”. Dahinter versteckst du dich jetzt.
Ja, da hast du recht. (überlegt)
In meinem Leben sind durch persönliche und emotionale Geschichten gerade große Umbrüche, weshalb ich gezwungen bin, hinter meine Fassade zu blicken. Ich weiß jetzt, dass ich mein ganzes bisheriges Leben lang Rollen gespielt habe. Nicht nur im Beruf, sondern auch Freunden gegenüber, in der Familie, meinem Umfeld. Und am Krassesten: Mir selbst gegenüber. Ich habe meine eigenen Bedürfnisse und Gefühle lange gerechtfertigt oder gar nicht gezeigt. Es ist ein bewusster und rigoroser Schritt, um die Muster zu durchbrechen.
Diese Erkenntnis möchte ich nach außen transportieren, um auch in meinem Berufsfeld mehr vom wahren Silvio zu zeigen. Ich glaube ebenfalls, dass sich das Bild auf diese Tour dadurch verändert.
Silvio Römer
wurde 1988 in Oschatz geboren und ist seit 2015 ausgebildeter Musicaldarsteller. Seitdem spielte er unter anderem in HAIR, EVITA, FRANKENSTEIN, KU’DAMM 56, KU’DAMM 59, BIBI & TINA und DA VINCI CODE. Außerdem begleitete er diverse Shows als Regie-Assistenz & Resident Director. Seit 2018 verkörpert er außerdem regelmäßig die Rolle des Zeki Müllers in FACK JU GÖHTE.
Silvio begann 2025 eine Greator-Ausbildung zum Life-Coach.
“Ich hole mir die Anerkennung, die ich mir selbst nicht gebe, auf der Bühne.”
Konkret. Wo glaubst du, Rollen gespielt zu haben?
Ich war nur im Performer-Modus. Selbst meine besten Freunde haben im Alltag Rollen von mir bekommen. Weil ich Angst hatte, dass sie mein wahres Ich nicht gut finden. Ich habe Geschichten erzählt und zum Beispiel Details verändert. Obwohl die Geschichte schon gut war, habe ich gewisse Dinge angepasst, um mich bei meinem Gegenüber interessanter zu machen. Ich war immer cool und unnahbar, bei mir lief alles nur positiv. Zumindest tat ich so, weil ich Angst hatte, die anderen mögen mich sonst nicht. Ich wollte keine Angriffsfläche liefern. Das hat ganz arg mit meinem Mutter-Trauma zu tun, das ich entdeckt habe. Dass ich nicht verdient habe, auf dieser Welt leben zu dürfen. Das ist der Glaubenssatz, der mich 37 Jahre lang geprägt hat. Und das zeigt sich auch in meinem Job: Wenn ich mich zu Castings prügel und dort dann immer wieder Ablehnung bekomme, zum Beispiel. Ich verdiene mit meinem Trauma in gewisser Weise mein Geld.
Oder wenn ich auf der Bühne stehe. Ich hole mir die Anerkennung, die ich mir selbst nicht gebe, auf der Bühne und von anderen Menschen.
… und in Interviews.
Ja, auch. Ich hoffe aber, dass du merkst, dass ich das gerade ehrlich meine.
Ans Tageslicht gebracht hat das übrigens meine letzte romantische Beziehung.
Das letzte Mal (August 2024) haben wir über deine Showmaker-Larifari-Ausstrahlung gesprochen. Dass da mehr in dir steckt als Macho. Ich hatte das Gefühl, du konntest dich erstmals ein bisschen öffnen. Hatte der Prozess schon begonnen?
Viele Dinge passieren so automatisch, dass ich das nie als richtig oder falsch bewertet habe. Präsentiere ich mich gerade? Lüge ich gerade? Ich habe mich in unserem Gespräch wohl gefühlt, nur deshalb konnte ich dir offen und ehrlich meine verletzliche Seite zeigen. Es gibt schon Momente, wo der echte Mensch durchkommt. Ich wünsche mir aber, dass ich das wieder besser regulieren kann.
Zwei Dinge sind im letzten Monat passiert. Ich habe den Glaubenssatz zum ersten Mal gelesen und er hat eine so krasse, körperliche Reaktion ausgelöst, dass ich wusste, dass das der Kern ist. Es war kein Slowly-Emotional-Moment. Bevor mein Verstand es verarbeitet hatte, hat mein Körper reagiert.
Einige Tage zuvor habe ich einen Brief von meiner damaligen Partnerin bekommen, in dem sie über ihre Wünsche, Sehnsüchte und Verletzlichkeiten spricht. Und sie hat ausgesprochen, dass sie sich jetzt trennt. Den Brief hat sie mir vorgelesen. Ich habe darauf auch reagiert und geantwortet. Fünf Tage später habe ich diesen Brief nochmal gelesen und es war, als ob ich ein fremdes Dokument lese. Die Worte sind super klar, aber ich hatte das Gefühl, sie noch nie gelesen zu haben. Da wusste ich, dass etwas nicht stimmt.
Ich wollte cool sein und das nicht fühlen, was sie mir sagen wollte. Da bin gerade noch mitten im Prozess, das zu verstehen.
»Ich habe schon gespürt, dass meine Welt irgendwann zusammenbricht .«
Die offensichtlichen Headlines unserer Interviewreihe könnten sein:
“Ich will mal eine Hauptrolle First Cast machen.”
“Ich bin First Cast Zeki Müller, Glückwunsch.”
“Auf der Bühne bin ich gerne Macho, aber hey, guckt mal, was dahinter steckt.“
Wenn ich die Headline für das vierte Interview nicht selbst auswählen würde. Wie würdest du es nennen?
(lacht). Ich sehe da auf jeden Fall eine komplette Stringenz. Insofern kannst du jetzt gerne den weichen Kern in den Fokus rücken. Weil es genau das ist, was du schon gespürt hast und das ist jetzt … die Offenbarung.
“Die Offenbarung.” So viel Pathos?
Das war ein Witz. Klingt ein bisschen nach Fitzek-Thriller, oder? (lacht)
Ich nehme auch mein Umfeld komplett anders wahr. Zum Beispiel ging es in der Beziehung viel um das Thema “laut lieben”. Ich habe es als Angriff gewertet, dass ich ihr nicht genug Gutes tue, dabei ging es nur darum, dass ich das, was ich für sie empfinde, auch nach Außen trage und zu ihr stehe. Dass ich den Raum entsprechend forme. Es könnte also auch sowas sein wie: “Silvio spielt keine Rolle mehr”.
Anfang 2026 hast du ein Posting gemacht, dass du ein Jahr nicht auf der Bühne warst, dich neu ausgerichtet hast, Life-Coach geworden bist, auf deinen Körper gehört hast. War da wirklich schon so viel im Umbruch oder war das Teil einer tiefgründigen, neuen Rolle?
Ich glaube, beides ist wahr. Gewisse Glaubenssätze kamen immer mehr ans Tageslicht und auf meinen Schultern wurde es immer schwerer. Ich wollte gegensteuern. Ich habe schon gespürt, dass meine Welt irgendwann zusammenbrechen könnte. Gleichzeitig war die Auszeit hilfreich, um mich aus dem Berufszweig zu lösen.
“Manche Sätze sind heute auf der Bühne schmerzhafter.”
Wie geht es dir gerade?
Ich frage mich oft, ob es andere wirklich interessiert, wie es mir geht. Ob sie die ehrliche Antwort hören wollen. Ich würde niemals sagen, dass es mir gut geht. Ich glaube sogar, dass es mir ziemlich schlecht geht. Ich glaube aber auch daran, dass ich irgendwann sagen kann: Sarah, mir geht es wirklich gut.
Ich hoffe sehr, dass du mir das antwortest, wenn wir uns das nächste Mal sehen.
Eine Rolle spielst du seit 2018: Zeki Müller in “Fack ju Göhte”. To be honest, ich hab mich bei dieser Tourankündigung schon gefragt, ob es noch die Zeit dafür ist.
Warum hast du das gedacht?
(überlegt) Du wolltest nach deinem Cover Zeki die Erstbesetzung, hast sie bekommen, bist irgendwann weitergegangen. Ist es nicht ein Rückschritt, jetzt in dieses alte Rollenprofil zu gehen? Zeki ist doch wie so ein Anker für Bestätigung. Du weißt, wie du mit der Rolle ankommst, dass die Leute dich für die Show feiern, für dein Aussehen. Das haben wir ja oft genug besprochen.
Ich habe den Vertrag vor längerer Zeit unterschrieben. Ich würde die Rolle aber auch heute unterschreiben, weil ich jetzt ganz andere, weniger oberflächliche Parallelen zwischen Zeki und mir erkenne. Ich sehe die verletzliche Seite und sein Umfeld. Zeki kommt aus einem familiären Umfeld, das dafür gesorgt hat, dass er keine Emotionen zeigt.
Wo zeigt sich das in der Show?
Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich glaube, ich bin ein guter Schauspieler, weil ich die Emotionen, die ich im Alltag niemals zulasse, auf der Bühne zeige. Auf der Bühne begeistere ich mit vielen Gefühlen und kann die dort für mich verarbeiten.
Ist das gut?
Ja und Nein. Am Ende weiß niemand, ob da Zeki weint oder Freddy [Ku’Damm 56/59] oder Silvio. Gleichzeitig gibt es schon Szenen, die mich jetzt mehr treffen. Manche Sätze tun sofort weh. Zum Beispiel die Szene am Ende, wo Lisi entdeckt, dass Zeki sie belogen hat. Die Szene vor “Wegen dir” und der Song. Er wird in dem Moment an die Wand gestellt, schreibt ihr einen schmerzvollen Abschiedsbrief und geht wieder.
“Es gibt genau drei Menschen, die mir aufrichtig gesagt haben, dass sie stolz auf mich sind.”
Wie ginge ein Abschiedsbrief, den du dir für die letzten 37 Jahre schreiben würdest?
Ich bin ein Mensch, der mit vielen Worten hantiert. Das ist meine Art, mein Umfeld zu manipulieren. Mein erster Impuls wäre, einen krass langen Brief zu schreiben. Weil ich glaube, ich finde mehr Anklang, je mehr ich erzähle. Aber ich glaube, dass das gar nicht der Realität entspricht. Es wäre einfach: “Silvio, sei mutig hinzusehen, hinzuhören und vor allem hineinzufühlen, was wirklich in dir abgeht.”
Das beinhaltet alles, wofür ich die letzten Jahre keinen Mut hatte.
Ich habe das Gefühl, es ist dir wirklich wichtig.
Total. Und ich weiß auch, dass der Prozess noch nicht vorbei ist und wir hier nur einen Moment einfangen. Ich habe meine Gefühle einfach viel zu lange unterdrückt und möchte sie alle fühlen. Deshalb sitze ich jetzt auch vor dir und weine einfach.
Was ist das schönste Gefühl, dass du gerade neu fühlst?
Stolz. Das ist ein riesengroßer Trigger von mir. Es gibt genau drei Menschen in meinem Leben, die mir je aufrichtig gesagt haben, dass sie stolz auf mich sind. Das Wort ist zwar gefallen, aber nur bei ihnen hat das wirklich etwas in mir bewegt. In meiner Familie überwiegt das Gefühl, dass ich alle enttäuscht habe.
Wie arbeitest du das auf?
Ich habe immer an mir gearbeitet, aber ehrlicherweise nur an der Oberfläche: Sport, Kleidung, Schmuck, meine Artikulation, meine Präsentation. Das beherrsche ich gut.
Ich will aber Herr über meine Gefühle sein und verstehen, wann ich aus Angst etwas verdränge. Ich habe gestern ein Hörbuch gehört und derjenige hat gesagt: “Wachstum ist da, wo Schmerz ist”. Das hat sich jetzt schon eingeprägt.
Ich verschlinge auch die Bücher von Stefanie Stahl.
Und ich habe am kommenden Dienstag meine erste Therapiestunde. Da freue ich mich sehr drauf.
“Liebe zu spüren, hat mir panische Angst gemacht.”
Du gehst jetzt wieder einige Monate auf Tour mit “Fack ju Göhte”. Ist das nicht auch wieder eine Flucht vor dem, was du hier anpacken willst?
Definitiv.
Ich komme nie irgendwo an. Das ist natürlich auch einer der Gründe, warum ich zum Beispiel meine Beziehungen sabotiere, obwohl ich mich nach einem Hafen sehne. Der ist aber nicht auf hoher See. Das Künstlerleben, das ich seit 2014 auslebe – Stuttgart, München, Amstetten, Berlin, Sommerfestspiele,Tourneen, ich habe in einer WG gelebt – all diese Dinge sorgen nicht dafür, dass ich meinen Ort finde.
Jetzt habe ich endlich eine eigene Wohnung in Berlin und das Gefühl, das könnte ein Zuhause werden. Das hat mir auch meine Ex-Partnerin beigebracht. Dass Liebe ein Ort ist, an dem man sich Zuhause fühlen kann. Das durfte ich spüren und das hat mir gleichzeitig panische Angst gemacht.
Als wir vorhin aus Gründen zusammen U-Bahn gefahren sind …
Die Gründe sind, dass ich verkackt habe, dass wir uns heute treffen wollten. Schreib das hin! (lacht)
… du hast mir erzählt, dass du dieses Gespräch auch führen möchtest, weil du glaubst, es hat deine Sicht auf den Job grundsätzlich verändert. 2023 hast du gesagt, dass du nicht glaubst, in zehn Jahren noch auf der Bühne zu stehen. Das wäre dann 2033. Wie fühlt sich das an?
Grenzwertig. Mein erster Impuls war zu sagen: Da stehe ich noch auf der Bühne. Aber wie du jetzt weißt, hinterfrage ich gerade alle Impulse.
Die ehrlich Antwort ist: Ich hoffe nicht.
Oder anders: Nicht auf der Musicalbühne.
Ich möchte Speaker sein und Menschen motivieren. Weil ich jetzt nachvollziehen kann, woher manche Coaches den Spirit nehmen. Wenn man Dinge selbst durchlebt, hat es eine komplett andere Power. Da kommt keine Ausbildung ran.
Und jetzt kommt das Absurde: Ich habe 2025 ein Coaching als Life-Coach für Traumabewältigung angefangen und das auch überall groß geteilt.
Die Ironie sehe nicht nur ich, oder? Du sagtest, du hast es unterbrochen?
(lacht)
Es ist ein Zeichen, dass ich das Interesse verloren habe, als es um das innere Kind ging. Weil mein Unterbewusstsein vermutlich wusste, dass es tiefer geht als ich damals wollte.
Es war die gleiche Abwehr, die mich abgehalten hat, Bücher zu lesen.
Ja, lass uns darauf doch nochmal zurückkommen. Ich finde schön, dass du jetzt eine Bücher-Maus geworden bist und meinem Kanal künftig nicht nur für die Musicalthemen folgen kannst (lacht). Lass uns mal Silvios kleine Bücherecke aufmachen. Welche Buchtipps hast du für mich?
Stefanie Stahls Bücher haben viel in mir verändert.
Jetzt lese ich “Die subtile Kunst des darauf Scheissens”.
Es gibt gerade eine Beobachtung bei BookTok. Da kommst du auch noch hin, wenn du noch ein bisschen in deiner Bücher-Era bleibst.
Hol mich ab.
Es geht um (vor allem) Hetero-Männer zwischen 20 und 40 Jahren, die anfangen, Dark Romance-Bücher, Romantasy oder New Adult zu lesen. Auch aufgrund der zunehmenden Male-Loneliness. Viele haben jetzt den Take: Ich checke, was meine Partnerin möchte. Und dabei geht es nicht um schöne Typen, hotte Körper oder Shades of Grey. Es geht um die Beziehungs-Dynamiken, das Gefühl, die Eine zu sein und das grundsätzliche, männliche Verhalten. Vielleicht ist das Genre auch für dich spannend.
Witzig. Das wäre etwas, was der Silvio vor zwei Monaten nur ausgenutzt hätte. Ich hätte es mir angeschaut, um Frauen um den Finger zu wickeln.
Du bist in der Zwischenzeit aber kein Drachenreiter geworden?
Noch nicht (lacht).
Der Silvio vor zwei Monaten hätte das Potenzial vielleicht erkannt. (lacht)
Ja, der wäre in Leder-Harness und Undercut aufgetaucht.
Nein, ernsthaft, worauf ich hinaus will: ich hätte mir das für meinen Vorteil angeschaut. Viel wichtiger ist aber, das sagst du ja, den Vorteil für meine Beziehungsdynamik zu erkennen.
“Ich habe mir immer eingeredet, ich bin zu alt und zu schlecht."
Themawechsel. Ich war gestern nochmal kurz in deinem Instagram unterwegs und bin stutzig geworden. Du hast zuletzt den Silas in “Da Vinci Code” von Dan Brown gespielt. Das hast du untertitelt mit “Die geilste Rolle meines Lebens!” Ich habe einen Beitrag geschrieben, in dem du sagst, dass das immer und für immer Zeki Müller ist. Wer denn nun?
Mit Silas konnte ich Dinge anders machen. Ich hätte mich nie für die Rolle beworben.
Liebeserklärung an Christoph Drewitz [Musicalregisseur] die Vierte in drei … zwei …
(lacht). Silas ist ein fanatischer Mörder, der für seinen Glauben und seine Überzeugung alles tun würde. Das geht fundamental gegen meine Werte. Aber ich konnte mich darauf einlassen und den Leuten eine neue Version zeigen.
“Geil” und “Geil” sind hier also zwei Paar Schuhe. Einmal ging es um die Herausforderung. Und einmal … ist Zeki Müller per se geil.
Da dürfen sich meine Leser:innen jetzt überlegen, wie sie das interpretieren.
Wie geht es bei dir weiter?
Keine Ahnung. Jetzt mache ich die Tour, dann steht erstmal nichts an. Ich möchte auf jeden Fall meine Coaching-Ausbildung beenden, um zu wissen, ob ich das kann und wirklich machen möchte.
Mit welchen Rollen würdest du dich bis in sieben Jahren gerne verabschieden?
Che aus “Evita”. Ich bewerbe mich nächsten Sommer in Schwäbisch Hall.
Luigi Lucheni aus “Elisabeth”.
Alexander Hamilton.
Und Aladdin.
Ah, Aladdin. Spielst du in … –
… nee, die Ausschreibung in Thun habe ich nicht gemacht. Weißt du, warum? Weil ich dachte, ich wäre zu alt.
Ich wollte gerade anmerken, dass die Rolle ja doch etwas jünger … –
Ja, absolut. Ich habe mir eingeredet, ich bin zu alt und zu schlecht.
Falls also noch jemand einen Aladdin besetzte möchte. Hier säße einer.
Damit könnte ich auch ein bisschen was heilen. Ich wollte es damals schon in Hamburg spielen. Da wurde ich gnadenlos abgesägt.
Also sollte alles so kommen, komm ich vorbei.
Für jede dieser vier Rollen, sollte ich sie spielen, kriegst du Karten. Versprochen.
Am Ende frage ich immer nach einer Botschaft an die Musical-Bubble. Ich würde das gerne mal ausklammern und es öffnen. Wem würdest du gerne etwas sagen?
(überlegt) Du merkst mein Zögern. Ich habe gerade viele Botschaften. Aber ich glaube, ich mache es allgemein.
Lernt euch zu lieben, wie ihr seid.
(überlegt)
Lass ich genau so stehen.
Ich freue mich auf unser fünftes Interview.
Ich mich auch. Danke, Sarah, dass du dir nochmal für mich die Zeit genommen hast. Und dass du in mich gehört und mir vertraut hast, hier nochmal mit dir zu sprechen.
Ich habe noch nicht viele Interviews geführt, wo Menschen mit dem Gedanken kamen, sich privat so zu öffnen. Und so aufrichtig mit sich sind. Ich bin stolz auf dich, dass du hier mal eine andere Seite von dir zeigen konntest, die die Menschen so sicher nicht alle von dir kriegen.
Vorsicht. Das Wort “Stolz” löst viel in mir aus.
Das war absolut ernst gemeint und ich hoffe, du weißt das.