“Es wird immer Leute geben, denen es nicht gefällt.”

Dieses Gespräch habt ihr euch bei Instagram gewünscht. Ich mir aber ehrlicherweise auch, weshalb es mich besonders freut, dass Franziska Kuropka und ich nur zwei Nachrichten brauchen, um einen Termin zu finden. 

Wir treffen uns an einem Montagnachmittag im Theater des Westens. Franzi kommt gerade vom Sport und ist extra nochmal ins Theater gefahren. Zwischen Ku’Damm-Plakaten, “Romeo-und-Julia-Fächern” und “Wir sind am Leben”-Probenplänen kommen wir in einer kleinen Garderobe ins Plaudern. Über Buchveranstaltungen, Buchmessen und das Autorinnen-Dasein. 

Und dann über einen Rauswurf, der zum Schlüsselmoment wurde, die Einsamkeit hinter der Bühne, Männer in Machtpositionen und die Frage, warum es manchmal völlig ausreicht, wenn man sich selbst gut findet. Und natürlich über Musicals. Eine ganze Menge sogar.

“Ich glaube, Leute sind besser, wenn sie ein gutes Gefühl haben.”

Wenn wir für einen Moment alles vergessen, was du beruflich machst, wer ist Franziska Kuropka? 

Wenn du Adjektive meinst, dann: sehr zufrieden, sehr happy. Versehentlich feministisch. 

Wie geht das? 

Das hat sich in den letzten Jahren entwickelt, weil ich mit einer alleinerziehenden Ost-Mutter aufgewachsen bin und dadurch alles für selbstverständlich genommen habe. Ich habe erst in den letzten Jahren gecheckt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Frauen denken, sie könnten alles, wenn sie sich nur genug anstrengen.

Und ich bin unabhängig von der Meinung anderer. 

Das ist cool. Gerade als Regisseurin. 

Ja, und auch als Darstellerin war das schon viel wert. Man kann nicht jedem gefallen. Je früher man das lernt, desto leichter ist das Leben in allen Bereichen. 

Wie hast du das geschafft? 

Das war schon immer so. (überlegt)

Wobei, nein, es gab einen Schlüsselmoment. Ich bin nach dem Probejahr von der UdK [Universität der Künste in Berlin] geflogen, damals noch HdK. Nach dem Probejahr wird man in einen Raum mit allen Dozent:innen gerufen. Und Jede:r sagt dir nacheinander, ob man das Jahr besteht und wie die Leistungen sind. 
Der erste Dozent sagte zu mir, er glaube, dass das nichts für mich sei. Ich hätte keine gute Haltung auf der Bühne. 
Der Zweite meinte zu mir, ich solle das doch als Hobby machen. 
Aber mein Sprecherziehungslehrer Uwe Drewes sagte, er verstehe die anderen nicht und hätte wahnsinnig gerne mit mir gearbeitet. 

Das war ein Aha-Moment. Einer findet mich richtig scheiße und der andere richtig gut. 

 

© privat (Franziska bei ihrer ersten Vorstellung "Die Schneekönigin" am Meiniger Theater.)

Was gibst du davon heute als Regisseurin weiter?

Sehr viel tatsächlich. Als Regisseurin glaube ich, dass Leute besser sind, wenn sie ein gutes Gefühl haben. Das merke ich auch, wenn ich mit den Schüler:innen von der Stage School arbeite. Die sind noch nicht ganz ausgebildet und sehr schüchtern und ängstlich am Anfang der Probenphase. Nach zwei Wochen hat sich das komplett gedreht, weil sie wissen, dass das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich sage: Nee, das ist es noch nicht. 

Und nach vier Wochen stehen dann vollkommen andere Personen auf der Bühne, weil sie sich trauen. Das Publikum liebt nichts mehr, als selbstbewusste Menschen zu sehen. 

Ich war damals bei der Premiere von “Kein Pardon” in der Stage School, wo du Regie geführt hast, und fand das Stück ein Paradebeispiel für das, was man aus Schüler:innen rausholen kann. 

Ja, sah ich auch nicht kommen (lacht). Ich war auch sehr überrascht. Ich weiß noch, als Dennis Schulze [Schulleiter der Stage School Hamburg] mir sagte, dass er gerne dieses Stück machen würde. Meine Reaktion war: Du willst mit dreißig jungen Leuten ein Stück machen, in dem fast nur alte Menschen mitspielen? Und ich darf nur einen Gastkünstler haben? 

© Hendrik Nix

Franziska Kuropka

ist Autorin, Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin. Von 2006 bis 2020 war sie festes Ensemblemitglied am Schmidt Theater in Hamburg. Außerdem spielte sie an zahlreichen Bühnen Deutschlands Klassiker und Uraufführungen, z.B. Anita in „West Side Story“, „Titel der Show“ oder „Cabaret“.

Seit 2017 ist sie Musicalautorin & Regisseurin. Mit dem Musical „Jana & Janis – Sag einfach Jein“ gewann sie 2018 den Musicaltheaterpreis für Beste Songtexte. 2023 schrieb sie das Familienmusical „Die Gänsemagd“ und wurde 2024 erneut mit dem Deutschen Musicaltheaterpreis prämiert – diesmal in der Kategorie „Bestes Buch“. Im Theater des Westens schrieb und inszenierte sie gemeinsam mit ihrem besten Freund Lukas Nimschek  „Die Amme“, „Wir sind am Leben“ sowie „Salon Rosie“. Für die Brüder Grimm 

“Sechs Jahre ‚Simply the Best‘ auf’m Stadtfest Rudow”

Du bist in einer Theaterfamilie aufgewachsen. Was hat das mit deiner Beziehung zur Bühne gemacht? 

Gute Frage. Einerseits war Theater für mich eine Selbstverständlichkeit, ich habe auf der Probebühne meine Kindheit verbracht. In meiner Pubertät war meine Mama dann an der Schaubühne Berlin als Souffleuse. Da war es schon sehr furchteinflößend, weil die Leute so unfassbar gut waren. 

Hast du das damals schon so wahrgenommen? 

Im Nachhinein schon. Ich habe immer gedacht, ich will nur halb so gut spielen wie eine Susanne Lothar, Edith Clever oder Katharina Schwarz. Die waren so krass. 
Ich habe erst später gecheckt, dass das wirklich die Crème de la Crème ist. 

Hat das Druck erzeugt?

Ja, und Angst vor der Mittelmäßigkeit – Salieri-Syndrom nenne ich das immer. Das kam aber nur durch mich. Meine Mutter hat mir gesagt, ich soll einfach glücklich sein. 
Für mich gab es trotzdem nur die Optionen, dass ich ins Theater gehe oder Tierpflegerin werde. 

© Nico Moser

Wie ging es nach deinem Rauswurf an der UdK weiter? 

Am Tag danach starb mein Onkel. Das hat alles in Relation gesetzt, dadurch fiel ich nicht in so ein berufliches Loch. Ich habe mir ein halbes Jahr gegeben, weil ich nicht nochmal von vorne an einer anderen Schule anfangen wollte; nicht nochmal ein Jahr lang fühlen, massieren, metaphorische Orangen schälen und traurige Geschichten erzählen. 

Dann hat mir Rainer Bielfeldt meinen ersten Gesangsjob im Studio gegeben. Ich bin in eine Coverband gekommen und habe dort gelernt, wie ich singe – wie Patti LaBelle. Also nicht so gut wie sie, aber meine Stimmfarbe war sehr PoC-kräftig. Tina Turner und die Weather Girls lagen mir supergut. Damit habe ich dann sechs Jahre lang mein Geld verdient – “Simply the Best” auf’m Stadtfest Rudow. 

Und dann warst du vierzehn Jahre am Schmidt-Theater Hamburg bei “Heiße Ecke”. 

Erst noch “Villa Sonnenschein”, dafür bin ich nach Hamburg gegangen. Da sollte ich für drei Monate bleiben. Währenddessen wurde eine Kollegin in der “Heißen Ecke” schwanger und musste aufhören. Ich habe dann die Rolle übernommen. Aus drei Monaten wurden zwanzig Jahre Hamburg. 

Ich war kürzlich erstmals in einem Stück vom Schmidt-Theater, “Die Königs vom Kiez” … 

… und? 

(lacht) Also … 

… it is what it is. 

Es ist so ein Sektlaunen-Stück. Inhaltlich hier und da ein bisschen problematisch.

Versteh ich. “Heiße Ecke” entstand um 2003. Das ist ein bisschen wie “Die Mausefalle” – kultig. Einiges haben sie auch nachträglich verändert. 

Was lernt man von dem Stück? Was war deine Motivation? 

Ich habe mit meinen zwei besten Freundinnen dort gespielt. Ich habe fünf Minuten entfernt gewohnt und nebenbei andere Dinge gemacht. Ich habe zum Beispiel auch “Westside Story” und “My Fair Lady” gespielt. Irgendwann währenddessen habe ich “Jana & Janis” geschrieben. 

Man lernt am Schmidt Theater aber auch, keine Angst vor Fehlern zu haben. Alles, was passiert, ist eine Chance. Man wittert Gelegenheiten für einen Gag, einen Applaus. 

Hast du eine Anekdote für mich, wo dir das zugute kam? 

Ich habe vor zwei Jahren “Fack ju Göhte” gemacht. Zur allerersten Tour-Premiere in Wien ist was sehr Lustiges passiert. Als Direktorin Gerster habe ich mit “Nein, Doch” den zweiten Teil eröffnet und zwei Leuten von der Behörde erzählt, für was wir in der Schule kein Geld haben. Die Show läuft auf Click-Track [die Darstellenden haben In-Ears, mit denen sie die Musik eingezählt bekommen] und mit Halb-Playbacks. Die Nummer fing an und ich merkte, dass es keinen Einzähler auf dem Ohr gab. Das bedeutet, dass es auch keine Musik gab. 

Nele [Nele Neugebauer] und Steven [Steven Armin Novak] waren mit dabei und wir haben die Nummer a cappella weitergemacht. Ich habe währenddessen schon gedacht, dass wir das gerne so machen können, aber nochmal anfangen müssen, wenn sie ihr Playback wiedergefunden haben. Es kam natürlich genau so.
Auf meinem Click-Track hörte ich: 3 …2 … 1…

Und ich so: Wie gesagt, wir haben kein Geld. Nicht mal für Musik. Es ist, wie es ist. 

Und dann habe ich die Nummer von vorne angefangen. 

Sogar ein guter Freund von mir fragte mich danach, ob ich mir da eine Nummer reingeschrieben habe. 

© Hendrik Nix

“Dann steckte ich schweißgebadet in diesem Gänsekopf und habe mich nur gefragt, wie dumm ich sein konnte.”

Schön, dass er sagt, dass du dir das reingeschrieben hast. Irgendwie auch ein naheliegender Gedanke, wenn man sich deine Vita anschaut. Wie kam es dazu, dass du selbst schreiben wolltest?

Ich habe immer schon mal Monologe geschrieben, auch für meinen Freund, der Puppenspieler ist. Ich hatte auch die Grundidee für ein eigenes Stück. Mein bester Freund Lukas [Lukas Nimscheck, Musiker & Autor] sollte dann für “Jana & Janis“ Musik und Lyrics machen. Für letzteres hat er sich nicht so bereit gefühlt, kannte aber meine Songtexte und hat mich dafür vorgeschlagen. 

Ist das eure Dynamik, dass ihr dann immer aneinander denkt? 

Wir werden oft als Team wahrgenommen und wollen das auch so. Natürlich machen wir auch mal was alleine, aber am liebsten eben zu zweit. Er ist mein bester Freund, wir haben den gleichen Geschmack, die gleiche Meinung und erleichtern uns das Leben privat und beruflich. Ich weiß, dass das ungewöhnlich ist und man sowas nicht planen kann, aber es ist eines der besten Dinge in meinem Leben. 

Ich liebe, wie du strahlst, wenn du davon erzählst. 

Oft genug beendet eine Zusammenarbeit ja auch Freundschaften oder Beziehungen. 

Es erleichtert alles, jegliche stressigen Meetings. Oder nervige Leute, die über einem stehen, dann kneifen wir uns gegenseitig in den Oberschenkel. Natürlich ist es trotzdem Arbeit, aber es hilft auch beim Druck. Oder bei Premieren, dann ist es immer so ein gemeinsames: Oh Gott, was haben wir getan. Abbruch, Abbruch! (lacht) 

Wie geht es dir während einer Premiere?

Kommt drauf an, in welcher Position ich bin, da gibt es mehrere Abstufungen. Ich finde, eine Premiere ist nicht so wichtig wie der erste Durchlauf vor Publikum. Da ist es schon so … uääähhh.
Also … da wird einem flau im Magen. 

Bei “Die Gänsemagd” habe ich selbst mitgespielt und mir danach gedacht: Das mach’ ich nie wieder. Das war die dümmste Idee der Erde. Ich war eh schon aufgeregt als Darstellerin, habe es dann noch geschrieben. Dann steckte ich schweißgebadet in diesem Gänsekopf und habe mich nur gefragt, wie dumm ich sein konnte. 

© Dennis Mundkowski

Hattest du auch Momente, wo du auf der Bühne was gesagt hast und dich danach gefragt hast, warum du das nicht anders geschrieben hast? 

Nein. Das passiert während des Probenprozesses, dass man Szenen streicht und ergänzt oder merkt, wenn Witze nicht funktionieren. Und irgendwann kommt auch der Moment, wo man einfach loslassen muss, allen zu gefallen. Da hilft es auch, wenn man einen Lukas hat. Wir sagen uns immer, dass es reichen muss, wenn wir zufrieden damit sind. Es wird immer Leute geben, denen es nicht gefällt. Denen es zu viel, zu wenig, zu laut oder leise, zu viel schwul, zu wenig schwul ist. Zu viele Frauen, zu wenig Frauen, zu alt, zu jung, whatever. 

Was hast du als Autorin später verstanden, was dir als Darstellerin nicht klar war? 

Was man als Darsteller:in nicht merkt, ist der riesige Rattenschwanz, mit dem wir Regisseur:innen leben müssen; wen wir alles pleasen und mit ins Boot nehmen müssen – alle Gewerke im Grunde. Meistens müssen auch noch Intendanten beruhigt werden. Ich gendere hier auch aus Gründen nicht. Das heißt nicht, dass sie schlimm sind, aber sie haben eben eine Meinung. 

Ich habe auch gelernt, dass es auf der Regie-Seite relativ einsam ist. Man kriegt erschreckend wenig Lob. Es ist richtig so, aber anfangs war das schwer für mich. Ich kam aus kleinen Produktionen, wo alle zum Beispiel beim ersten Lesen das Buch gelobt haben. Und irgendwann bei größeren Produktionen kamen die Darstellenden an und haben am ersten Probentag erklärt, dass ihre Figuren ganz anders reden als ich es aufgeschrieben habe. Und ich muss mich dann durchsetzen und sagen, dass wir es jetzt wenigstens mal so probieren, wie ich es mir gedacht habe. Das ist aber auch okay so, weil es zum Prozess gehört und es auch bereichernd ist, wenn Darstellende etwas Eigenes mitbringen. 

Bei “Wir sind am Leben” kam dann auch noch ein anderes Gefühl hinzu. Peter [Peter Plate] und Ulf [Ulf Leo Sommer] haben ihr privates Geld reingeballert und sind ein riesiges Risiko eingegangen, um dieses Stück zu machen. Dafür bin ich ihnen ewig dankbar. Man braucht dafür riesengroße Eier. Dass wir das auf Papier bringen durften, ist unglaublich. Viele Darsteller:innen waren das erste Mal im Theater des Westens und natürlich auch unter Druck. Und ich saß irgendwann zur Premiere nur noch da und war ganz leer und taub. Ich dachte immer, das müsste sich ganz euphorisch anfühlen. 

Wann kam das Gefühl zurück? 

Als ich einen Monat später nochmal gucken war. Dann kam die Magie zurück, die ich aus den Previews kannte.
Nach der Premiere kamen auch alle und waren so: “Ja … das ist … schön”. Ich war eh schon in einem weirden Space und dachte, dass es alle einfach hassen. 

“Ich schreibe und inszeniere sehr direkt, sehr auf’s Maul geschaut.”

Die Tage danach haben vermutlich auch nicht dazu beigetragen. Es kam ja doch eine Menge Gegenwind von meinen Kolleg:innen aus der Presse. Nicht immer aus nachvollziehbaren Gründen.

Ja. Das war auch ein großes Learning. Ganz oft war das, was kritisiert wurde, einfach Absicht. Das warst du, die das so toll beschrieben hat, oder? 

Ich weiß noch, dass Lukas und ich deine Kritik beim Einkaufen gelesen haben. Wir mussten kurz richtig weinen, weil wir uns endlich so verstanden gefühlt haben. Es war ein sehr großer Druck und wir waren schon die Tage davor in so einer Rechtfertigung. Ja, es sind viele Rollen. Nein, es wird nicht alles zuende erzählt, das war auch nie die Intention.  

Es war so schön, dass du gesehen hast, dass das so gewollt war. 

Was für ein Kompliment, danke!

Du hast gerade von „Intendant“ gesprochen und bewusst nicht gegendert. Wie ist es, als Regisseurin und Autorin in so eine Männer-Domäne zu kommen? 

Ich könnte natürlich sagen, dass die zu mir alle anders sind. Glaube ich nicht. Ich kokettiere oft damit, dass ich die Quoten-Scheide bin (lacht). Ich denke aber auch manchmal, dass sie mich nur nehmen, weil ich eine Frau bin. Es ist vielleicht ein halbes Jahr her, da habe ich zu Lukas gesagt, dass ich glaube, als Mann wäre ich gar nicht so erfolgreich. Er sagte dann, dass ich mir eher überlegen sollte, wie viel erfolgreicher ich als Mann wäre. Allein, dass ich das denke, sagt viel aus. Ich habe aber nie schlechte Erfahrungen gemacht, weil ich schon das Gefühl habe, dass man mich nur bucht, wenn man mag, was ich tue. Allein, wie ich schreibe und inszeniere, ist sehr direkt, sehr auf’s Maul geschaut. Mag man das nicht, fragt man mich nicht. 

Du hast gesagt, du willst über Frauen und Schwule schreiben. Was für Geschichten willst du erzählen? 

Ich will vor allem interessant schreiben. Frauen und Schwule – besser: Homosexuelle, ich mag ja auch lesbische Geschichten – sind noch nicht so auserzählt wie heterosexuelle Liebesgeschichten. Ich bin auch keine Balladen-Freundin und versuche bei der Liebe immer etwas zu finden, was nicht so erwartbar ist. Ich mag auch ältere Frauen auf der Bühne. Vermutlich, weil ich eine ältere Frau bin und viel mit Homosexuellen zusammen. Ich finde gut, wenn man schreibt, was man kennt.  

Bei Märchen-Adaptionen will ich auch immer versuchen, einen neuen Blick und eine neue Toleranz zu schaffen. Bei “Brüderchen und Schwesterchen” etwa wird der Bruder in ein Reh verzaubert. Als Mensch stottert er und ist ein bisschen clumsy. Im Original wird das Brüderchen am Ende zurückverwandelt, bei unserer Adaption wollte er das nicht, weil er sich als Reh wohler fühlt. Ich glaube, das macht auch was mit Kindern.

Ich habe am Wochenende einen Talk von Cornelia Funke gesehen. Sie wurde gefragt, warum sie so viele Kindergeschichten macht, statt etwas “Relevantes” zu schreiben. Sie hat dann unterbrochen und gesagt, dass es keine demokratischeren und politischeren Bücher als Kinderbücher gibt. Weil die alle verstehen und jede:r sie lesen kann. 

Ja. Genau das machen wir auch in unseren Märchen. Das ist uns wichtig. 

Wie gehst du grundsätzlich an ein neues Stück ran, wie war das zum Beispiel bei “Wir sind am Leben”? 

Da haben wir sehr eng mit Peter und Ulf zusammengearbeitet. Sie haben uns ein sechsseitiges Exposé geschickt mit allem, was ihnen an der Geschichte wichtig ist. Wir haben das aufgedröselt und einen Szenenfahrplan erarbeitet. Dann haben wir diesen Plan besprochen und mit Dialogen gefüllt. So geht es auch am Besten, finde ich. Immer erst die Figuren festlegen, einen Szenenfahrplan machen und dann schreiben. So weiß man auch genau, wo man in der Szene hin möchte und was zwischen den Zeilen brodelt, aber nicht immer gesagt wird. 

© thatis_musical

Denkst du dann auch schon in der Inszenierung? 

Kommt drauf an. Aber irgendwie schon, ja. Zweimal hatten wir die Situation, dass wir nur geschrieben haben und jemand anderes inszeniert. Da haben wir das nicht so bedacht wie bei unseren eigenen Stücken. 

Bei Stücken, die du nicht selbst inszeniert hast, hattest du da trotzdem Mitspracherecht? Also wurdest du angerufen nach dem Motto: Franzi, wir brauchen hier noch eine Szene oder würden das gerne verändern?

(lacht)

Bei “Brüderchen und Schwesterchen” wurde das gemacht, ohne dass wir es gesehen haben. Da wurden Sätze verändert und manche Szenen gestrichen. Das fand ich so medium-gut. Weil es für mich auch keine Verbesserung war. Es ist auch komisch, als Autorin im Publikum zu sitzen, die Darsteller:innen kommen auf die Bühne und die ersten fünf Sätze im Stück sind nicht von dir. Ich finde, kein Stück sollte mit “Komm, wir hüpfen wie ein Frosch und quaken wie eine Ente” eröffnet werden. Das ist schon länger her, ich habe damit damals schon einige Nächte gehadert, musste es aber irgendwann gehen lassen. 

Bei der UdK aber zum Beispiel waren wir bei den Endproben dabei und wurden gefragt, ob das okay ist, etwas zu streichen. 

 

“Nur, weil ihr nicht bei jedem Typen die Milch einschießt oder sie sich verliebt, ist sie direkt unsympathisch."

Wie wird dann aus Text eine Szene? 

Erstmal liest man das Stück zusammen. Und dann kommt es darauf an. Mit nicht so erfahrenen Menschen, beispielsweise an der Stage School, mache ich vorab mehr Pläne. Generell ist es aber immer gut zu wissen, was man will. Es gibt aber auch Darsteller:innen, die schon mit konkreten Plänen kommen. Kathi Damerow [spielt u.a. Doris in “Wir sind am Leben” und Gabi in “Salon Rosie“] etwa kommt immer mit ganz genauen Überlegungen und Ideen. Sie kommt selbst vom Schreiben und der Regie und hat sich im Kopf oft schon die ganze Szene zurecht gebaut. Dann gilt es, dass wir einen Mittelweg finden (lacht). 

Musst du da dann manchmal auch eingreifen und deine Ideen verteidigen?

Ja. Manchmal hat sie dann auch schon die Kolleg:innen mit eingebaut und machte konkrete Änderungsvorschläge. Meistens ist es aber gut und wir morphen das zusammen. Sie ist unsere beste Freundin, deshalb darf sie das auch. Das darf aber nicht unbedingt jede:r. Die meisten wollen das aber auch nicht. 

Hast du kürzlich das Interview mit Philipp Nowicki gelesen? Da ging es ja auch darum, was er anders gemacht hätte … 

Hab ich wohl gelesen (lacht). 

Sitzt du nachträglich manchmal drin und denkst dir: Das hätte ich jetzt aber doch anders gemacht? 

Ja, natürlich. Es gibt einige Momente, auch in “Wir sind am Leben”, die ich heute anders machen würde. Vielleicht kommt das Stück ja nochmal irgendwann und dann würden wir die ändern. 

Ist das ein Hint oder ein Wunschdenken? 

Nö, das sage ich nur so dahin. Nicht, dass ich wüsste. Noch nicht. (lacht)

Magst du die Änderungen konkret machen? 

Nee, ich glaube nicht. Es ist nicht hilfreich, weil man das Stück dann anders sieht. Reicht ja schon, wenn ich deswegen schlaflose Nächte habe. Ich sag’s dir gleich privat. [Sorry, Leute. Fragt Franzi selbst :)]

© Joschka Meier

Aber erzähl mir doch mal, wie viel von dir in “Wir sind am Leben” steckt. Bei Peter und Ulf hört man das ja immer wieder, aber was davon ist Franzi? Worauf bist du besonders stolz?

In jeder Figur steckt ein bisschen von mir. Ich glaube, am ehesten bin ich eine Mischung aus Nina und Ramona, vor allem Ramona. Ich komme ja auch von der darstellenden Seite und überlege mir immer, dass ich jede Figur selbst auch gerne spielen würde. 

Von mir kommt auch der eine Satz, auf den ich sehr stolz bin. Mario fragt Nina, ob sie mit dem Produzenten geschlafen hat, um einen Plattenvertrag zu kriegen. Und sie sagt: “Ja. Ich habe schon aus wesentlich schlechteren Gründen mit Typen geschlafen.”

Ich finde, das macht Nina als Rolle wahnsinnig sympathisch. 

Oder? Ich finde das auch, aber viele sagen, dass sie das unsympathisch macht. Sie tut niemandem weh und macht ihr Ding. Nur, weil ihr nicht bei jedem Typen die Milch einschießt oder sie sich verliebt, ist sie direkt unsympathisch. 

Sie ist eine Frau, da will das eben niemand sehen. Ein Typ wäre der größte Held. 

Exakt. Und ich finde es gerade auch deshalb gut, dass sie schon im Opening mit zwei unterschiedlichen Typen schläft. Wenn die Leute dann bei dem Satz lachen, macht das viel mit mir. 

 

“Sie gönnen sich alles und schenken sich nichts.”

Was ist für dich als Regisseurin eine besondere Core-Memory, die sich eingebrannt hat? 

Ich musste bisher in jeder Produktion irgendwann weinen. bei “Natürlich Blond” zum Beispiel in der letzten Szene, wenn die Hauptfigur ihr Diplom entgegennimmt. Das war das Abschlussprojekt der Stage-School-Schüler:innen und so in doppelter Hinsicht rührend. Bei “Wir sind am Leben” ist es Brunos Tod, wenn si zu seinem Bett kommen und Ramona und Nando sich umarmen. Bei der “Gänsemagd” war es, als das Pferd Fallada geköpft wurde. 

Am prägendsten war es aber bei “Fack ju Göhte”, wo ich ja auch als Abendspielleitung dabei war und somit bei jeder Probe. Es war gar nicht meine Probe, sondern “Zeitkapsel”. Florian Heinke hat seine Danger-Zeilen in dem Moment so berührend gerappt, das hat viel in mir getriggert. Direkt danach kam die Szene, in der sie den Schulausflug zu den Arbeitslosen machen. Ich habe erst geheult und musste dann darüber so doll lachen, dass ich zweimal aus vollkommen verschiedenen Gründen geweint habe. 

Das beschreibt auch eure Stücke ziemlich akkurat, finde ich. 

Ja, stimmt! “Fack ju Göhte” ist auch mein absolutes Lieblingsstück von deutschsprachigen Autoren. Das können die in Amerika so gut, aber deutsches Musical ist bis auf “Fack ju Göhte” und vielleicht noch unsere Shows immer nur supertraurig oder superalbern. Ich glaube, das steckt auch im deutschen Theater drin. In anderen Ländern mischt es sich, hier wird ganz krass in den Sparten unterschieden. 

Ich bin auch schon ganz neugierig auf “Salon Rosie”. Wie ist das, nochmal ein Spin-off zu einem Musical zu machen? 

Ganz, ganz toll! Wir sind auch jetzt schon einmal durchs Stück gestolpert [Interview vom 12.10.2026, Premiere am 30.10.]. “Die Amme” war natürlich special, weil wir es konzipiert und zusammen geschrieben haben. Normalerweise schreibe ich und Lukas macht die Komposition. Dann meinte er aber, dass wir zusammen schreiben können. Ich habe daran auch nicht eine Sekunde gezweifelt. Und dann haben wir es in zehn Tagen geschrieben, weil es einfach so durchlief. Es machte alles total Sinn. Bei der Inszenierung hieß es dann, wir sollten kostenneutral bleiben. Also haben wir sechs Stühle aus der Kantine genommen und damit alles inszeniert. 

Bei “Salon Rosie” war es etwas anders. Peter und Ulf hatten sich so in Rosie verliebt. Ende letzten Jahres, noch vor den Proben zu “Wir sind am Leben” hatten die beiden die Idee zu diesem Spin-Off. Sie haben dann natürlich mit Steffi Irmen geplant und eben bei der Audition Kathi Damerow gesehen und gewusst, dass sie als Gegenpart sehr gut passt. 

Kathi ist meine beste Freundin und ich bin so unglaublich stolz auf sie. Sie ist so außergewöhnlich gut auf der Bühne. Das hat sie mir lange nicht geglaubt und jetzt arbeiten wir hier zusammen. Sie füllt mit Tiefe, ist eigen und endlich da, wo sie immer schon hingehört hat. 

Und in Kombination mit Steffi Irmen ist das ein Geschenk. Sie waren beide super vorbereitet, wissen, was sie tun 

Kannst du da aus dem Nähkästchen plaudern? 

Dadurch, dass wir die beiden so gut kennen und genau wissen, wie sie spielen, schreiben wir es den beiden schon auf den Leib. Und dann passiert Magie auf der Bühne. 

Das ist in der Dynamik eine Mischung aus: Sie gönnen sich alles und schenken sich nichts. Sie pushen sich gegenseitig, unterstützen sich bei Unsicherheiten und machen sich zu besseren Leuten auf der Bühne. Und es ist auch kein Geheimnis, dass ich Neles [Nele Neugebauer] Choreografien liebe. Wir haben diesmal ja drei Menschen im Tanzensemble und Ben [Ben Knop] als Springer für mehrere Männerrollen. 

“Nett sein ist eine schöne Sache. Gerne auch im Theater.”

Du hast gerade über Unsicherheiten gesprochen. Wie gelingt es dir, diese während der Proben zu nehmen? 

Das habe ich von Christoph Drewitz [Regisseur] gelernt. Indem ich selbst meine eigenen Unsicherheiten zeige. Wenn ich eine blöde Idee habe, artikuliere ich das, entschuldige mich und gebe so Raum dafür, dass das okay ist. Und ansonsten bin ich einfach nett. Nett sein ist eine schöne Sache, gerne auch im Theater. 



© privat

Erlaube mir eine kritische Nachfrage: Ich habe die Ankündigung zu “Salon Rosie” gesehen und mich gefragt, ob es das wirklich braucht oder man hier nur an den Erfolg von “Die Amme” anknüpfen möchte? 

Es ist ein Prequel und spielt davor. Letztendlich hat es mit “Wir sind am Leben” nicht viel zu tun, sondern ist ein eigenständiges Musical. Ich bin sehr stolz darauf und sehr glücklich. Es geht um Familie, Schwestern und viele Emotionen und funktioniert als Kammerstück. Im Grunde ist es das Beste aus “Wer hat Angst vor Virginia Wolf” und einem coolen, modernen Boulevard-Thater. Ich glaube, dass die Leute sehr überrascht sein werden. Musste dir einfach angucken kommen. 

Na klar!
Was inspiriert dich während der Proben gerade?

Es ist eher ein Interesse an Dingen. Ich möchte am liebsten mich selbst gerade entertainen und berühren. Ich möchte am Ende sagen: Franzi und Lukas gefällt’s. 

Abschließend frage ich immer gerne nach einer Botschaft an die Musical-Bubble. Was würdest du gerne mitgeben? 

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. 

Ich würde mir wünschen, dass sich Drama und Humor etwas mehr miteinander verbinden. Und dass es auch nochmal andere Themen gibt außer Nazis. Und dass wir eine Stimme für unsere Kultur und unser Land finden. Ich finde, Peter Lund ist darin ziemlich gut. Ich denke da aber auch an Stücke wie eben “Wir sind am Leben” oder auch “Linie 1”, bei denen ich viel fühle. 

Und: Seid lieb miteinander. 



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